Daniele Meocci, Bruno, das Umarmehörnchen, Baeschlin Verlag
In der Schweiz ist ein neues Bilderbuch für Kinder erschienen, das sich auf eine durchaus heikle Gratwanderung zwischen netter, kindgerechter Geschichte und (wichtiger) Botschaft begibt. Der Einstieg in die Geschichte ist denkbar goldig, wenn Bruno, das Eichhörnchen, so gute Laune verspürt, dass er alle, denen er begegnet, umarmen möchte. Dabei machen sowohl er als auch die anderen umarmten Tiere die Erfahrung, dass man auch bei einer freudigen Umarmung ein bisschen aufeinander Acht geben muss: die kleine Maus wird zu fest gedrückt, der Igel hingegen ist, wie Bruno feststellen muss, durchaus schmerzhaft zu umarmen. Auf die Umarmung des hungrigen Fuchses verzichtet Bruno lieber und beim Vogel merkt Bruno selbst, dass er zart vorgehen muss. Dafür wird er dann vom Bären mehr als genug durchgekuschelt, bis es ihm selbst zu viel wird. So weit, so gut: bis dahin erinnert das Buch durchaus an nette andere Bücher wie „Wer knuffelt Paulchen“ oder „Tapsi will kuscheln“. Körperliche Nähe ist für Kinder schon ab dem zweiten Lebensjahr eine wichtige Erfahrung und im Kindergarten wird das Umarmen mit Wonne zelebriert. Dass das mal bei dem einem oder anderen besser oder schlechter klappt, kann also jeder kleine Leser gut nachempfinden.
Dann aber nimmt
das Buch etwa bei der Hälfte eine Abzweigung zur Pädagogik und wechselt damit –
leider – auch die Zielgruppe. Denn Bruno entdeckt ein Eichhörnchenmädchen und
ist ganz hin und weg von ihr: DIE will er sowas von umarmen, er spricht sogar
von „Anknabbern“, und schon diese Doppeldeutigkeit verlässt sprachlich den
Erfahrungshorizont von Klein- und Vorschulkindern, für die die Geschichte bis
dahin passend war. Auch spätere Textteile erfordern von den kleinen Lesern ein
wenig Erkenntnis über Balzverhalten. Denn nun beginnt die Annäherung der beiden
Eichhörnchen, von Bruno und Hasel, die Bruno aber erstmal gar nicht in ihrer
Nähe haben will: sie kennt ihn ja nicht mal!
Interessanterweise
ist genau diese bewusste Distanzierung auch ein regelmäßiges Thema der
Polizei-Puppentheater, die in Grundschulen gastieren, und den Kindern
beibringen wollen: sag Nein, wenn du etwas nicht möchtest. Natürlich geht es da
auch um den Beginn von Missbrauch, aber auch die knutschende Tante oder der
knuddelnde Opa werden genannt, um den Kindern ein Bewusstsein für ihre eigene
Komfortzone zu geben, in die niemand anderes ungefragt Eintritt zu begehren
hat. So auch bei Hasel: die hält Bruno hin, der verausgabt sich, macht den
Kasper, um Hasel zu beeindrucken. Und als es regnet, suchen die beiden Schutz
in Brunos Behausung. Da ist es so eng, dass Bruno seine Umarmung starten
könnte, aber er tut es bewusst nicht – wieder der gezielte pädagogische Input,
der aber frühestens Grundschulkinder erreichen wird. Am Ende verabschiedet sich
Hasel dann mit einem Kuss auf Brunos Wange und Bruno ist gaaaanz schwer
verliebt. Nur noch die und niemanden sollst will er ab jetzt umarmen.
Trotz des
„Bruchs“ innerhalb des Buches ist es ein gelungenes Kinderbuch, das ein für
Kinder eminent wichtiges Thema anspricht: nicht jeder mag Körperkontakt mit
anderen haben und das hat man zu respektieren. Auch andere Kinderbücher
thematisieren diese Grenzziehung, z.B. „Max will immer küssen“ und bieten den
kleinen Lesern damit eine gute Grundlage, um über ihre eigene Gefühlswelt zu
reflektieren und Grenzen klar zu setzen. Als Zielgruppe erachte ich aus den
obigen Gründen heraus Grundschulkinder ab 6/7 Jahren für geeignete Leser, nicht
aber kleinere Kinder, für die Brunos Verliebtsein und auch manche sprachliche
Wendung ungeeignet sind. Für diese Zielgruppe hätte es beim Umarmen bleiben
müssen, siehe Paulchen.
Verlagsangaben
zum Buch:
- Erscheinungstag: 15.9.2019
- Seitenanzahl: 32
- Altersempfehlung: Ab 4 Jahre
- ISBN/Artikelnummer: 978-3-03893-012-9
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