Dirk Pope, Abgefahren, Hanser Verlag
Der Titel ist so
plakativ zweideutig, dass man sich über den Verlauf dieses etwas verqueren
Roadtrips von Viorel am Ende gar nicht mehr wundert. Denn den stark
übergewichtigen Jungen ereilt ein unerwarteter Schicksalsschlag, zusätzlich zu
den Gemeinheiten, die das alltägliche Leben für dicke Menschen so bietet: er
ist in der Schule ein Versager, sein Sozialleben beschränkt sich auf das
Zusammensein mit seiner Mutter in der kleinen Wohnung in Essen und das Essen
selbst ist sein einziger Zeitvertreib, dementsprechend seine Körperfülle. Nun
aber stirbt die Mutter über Nacht und Viorel ist mit der Situation
verständlicherweise überfordert. Die Mutter ist rumänischer Abstammung und er
erinnert sich vage, dass sie sich gewünscht hat, in ihrer Heimat begraben zu werden.
Also packt er die Leiche in den alten Corsa der Mutter, schnappt sich noch
ihren Pass und ein paar Euro Ersparnisse und braust los Richtung Osten, obwohl
er nicht einmal einen Führerschein hat. Schon ab hier wird die Geschichte etwas
absonderlich, denn von hier an wird Viorel mehrere Tage ohne Schlaf auskommen
und noch dazu nahezu ohne Fahrerfahrung hinter dem Steuer gen Rumänien fahren.
Er nimmt unterwegs einen merkwürdigen Anhalter mit, bei dem schon die Anzeichen
in Richtung draculesker Ereignisse vorgezeichnet sind. Mehrere Landesgrenzen
passiert er ohne Hindernis, in Ungarn lädt er sich unversehens die zweite
Leiche ins Auto und in Rumänien wird er dann Opfer einer merkwürdigen Attacke
auf sein Fahrzeug, an deren Ende er sowohl das Auto als auch die zweite Leiche
verliert. Offenbar temperatrurresistent (immerhin ist es kurz vor Weihnachten
mit Schnee und Minusgraden in Rumänien) macht sich Viorel dann zu Fuß auf den
Weiterweg und kommt überraschend wieder in den Besitz seines Corsas, allerdings
ohne noch den Zündschlüssel zu haben. Doch am Ende wird ihm auch hier geholfen,
sodass er an seinem vermeintlichen Ziel angelangt: der Wohnung seines Onkels,
der ihm mit der Bestattung der Mutter behilflich sein soll. Ab dann aber, man
erahnt es angesichts des noch offen stehenden Buchrests, wird es noch kurioser:
der Onkel war gar nicht der Bruder der Mutter, sondern des längst verstorbenen
Vaters. Stattdessen lernt er auf einmal die Nachbarschaft kennen und wird erstaunlich
freundlich empfangen. Dass er ebendort mehrere Gläser Pflaumenschnaps trinkt
und verträgt und danach weiter Auto fahren kann? – geschenkt. Jedenfalls
beginnt ab dann der schöne Teil der Geschichte, denn seine Körperfülle ist auf
einmal kein Hindernis mehr, die Menschen, die er kennen lernt sind warmherzig
und hilfsbereit und wie nie zuvor fühlt er auf einmal Zuversicht, selbst wenn
er die Leiche der Mutter noch bis zum Donaudelta kutschieren muss, wo ihre
eigentliche Heimat war. Dort angekommen muss er aber wieder improvisieren, denn
ohne Papiere geht nur etwas gegen Geld und davon hat er nichts mehr. Wie Viorel
das Problem der Bestattung löst, ist dann durchaus abenteuerlich, und auch der
fast schon romantische Ausgang der Geschichte bietet einen versöhnlichen
Abschluss mit den Dracula-Elementen zuvor.
Man hat das Buch
recht schnell durchgelesen, zwischendurch ergeben sich immer wieder Lacher,
wenn Viorel seine Vorurteile mit der Realität ringen lassen muss. Man hat aber
auch tiefstes Mitleid mit diesem verunsicherten Fettsack, dessen amateurhaftes
Ringen um eine Lösung für seine tote Mutter und sich selbst einem Kampf gegen
Windmühlen gleicht. Die Mischung zwischen Fiktion und Realität ist ein wenig
arg konstruiert, aber es schadet der Geschichte am Ende nicht. In einem muss
man Viorel aber zustimmen: man weiß viel zu wenig über Osteuropa und sollte
sich wie er durchaus positiv überraschen lassen. Insgesamt ein nettes Buch, bei
dem man ab und zu beide Augen zudrücken muss, wenn es ins Fantasyhafte
übergeht, aber durch das große Maß an Menschlichkeit entschädigt wird.
Verlagsangaben
zum Buch:
- Erscheinungstag: 19.02.2018
- Seitenanzahl: 240 Seiten
- Altersempfehlung: Ab 14 Jahre
- ISBN/Artikelnummer: 978-3-446-25875-4
Link zum Buch:
https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/abgefahren/978-3-446-25875-4/
