Richard Middleton, Das Geisterschiff, Steidl Verlag
Literatur als Ereignis – genau das hebt sich von herkömmlicher Lektüre ab. Im Steidl Verlag wurde eine Reihe eröffnet, die Nocturnes, die sich mit Wieder- und Neuentdeckungen dem Unheimlichen widmen. Eines der ersten Werke der Reihe ist dabei der erst nach seinem Tod entdeckte und gewürdigte Richard Middleton, von dem nun einige Erzählungen im Band „Das Geisterschiff“ erschienen sind. Der Ansatz der Reihe war, an passenden Orten mit musikalischer Untermalung aus den Werken zu lesen. Dies hat die Corona Pandemie nicht vollumfänglich zugelassen, aber das Konzept ist erfrischend und man darf auf Fortsetzungen in der Zukunft hoffen.
Die Erzählung
„Das Geisterschiff“ ist zugleich Namensgeber für das Werk und steht an
prominenter erster Stelle. Weitere Texte thematisieren maßgeblich verschiedene
Außenseiter in der englischen Gesellschaft, darunter Internatsschüler,
Polizisten, Landstreicher oder auch Sargverkäufer. Der Stil ist trotz der
melancholischen Grundstimmung lebhaft, selbst in der Darstellung von
unangenehmen Erlebnissen und Ereignissen, sodass man neben der Genauigkeit der
Beobachtungen auch die Eleganz der Sprache Middletons zu schätzen lernt. Denn
schon nach wenigen Sätzen ist man mitten in der Erlebens- und Gefühlswelt der
Protagonisten angelangt, egal ob die Geschichten kurz oder länger sind, egal ob
sie aus der Ich-Perspektive oder aus dem Fokus des beobachtenden Erzählers geschrieben
wurden. So kann man die emotionale Berg- und Talfahrt des Internatsaufenthalts
hautnah miterleben, aber auch die Verzweiflung des kleinen Jack über das jähe
Ende seines harmonischen Familienlebens, ausgelöst durch eine Straftat des
Vaters, was seinen Verständnishorizont völlig übersteigt. Man kann Ansätze von
Grusel in den noch so kurzen Geschichten erspüren, aber auch die Verzweiflung,
die bei perspektivlosen Kindern in Phantasiegebilde zwecks Flucht vor der
tristen Realität mündet.
Auch sprachlich
finden sich immer wieder Highlights, die Middletons großes Talent für die
richtige Pointe, den passenden Moment begreiflich werden lassen und auch in der
guten Übersetzung, die nur ganz vereinzelt von Druckfehlern beeinträchtigt ist
(S. 45), schön zum Tragen kommen. Wenn er das Gefühl des Außenseiters so
beschreibt: … denn ein großer Teil meines Unglücks rührte daher, dass die
immerwährende Herabsetzung durch die Mehrheit mir jede Selbstachtung geraubt
hatte. … (S. 38). Genau so könnte dieser Satz in einem modernen coming of age
Roman stehen, wenn es um die Rolle der Selbstfindung gegen ein vermeintlich
mehrheitsfähiges Normgefüge geht.
Abgerundet
werden die zahlreichen Geschichten durch ein umfangreiches Nachwort, das
Middletons Werdegang und sein letztliches Scheitern am materiellen Leben
erläutert, sowie eine Art Glossar zu in den Geschichten verwendeten Begriffen,
Wendungen oder Örtlichkeiten. So ergibt sich ein erstaunliches Gesamtbild und
es ist bedauerlich, dass es Middleton nicht gelang, sein Talent in größeren
Werken zu verstetigen.
Verlagsangaben
zum Buch:
- Erscheinungstag: Juli 2020
- Seitenanzahl: 128
- ISBN/Artikelnummer: 978-3-95829-782-1
Link zum Buch:
https://steidl.de/Buecher/Das-Geisterschiff-Steidl-Nocturnes-1622233460.html
