Freitag, 14. Mai 2021

Richard Middleton, Das Geisterschiff

Richard Middleton, Das Geisterschiff, Steidl Verlag

Literatur als Ereignis – genau das hebt sich von herkömmlicher Lektüre ab. Im Steidl Verlag wurde eine Reihe eröffnet, die Nocturnes, die sich mit Wieder- und Neuentdeckungen dem Unheimlichen widmen. Eines der ersten Werke der Reihe ist dabei der erst nach seinem Tod entdeckte und gewürdigte Richard Middleton, von dem nun einige Erzählungen im Band „Das Geisterschiff“ erschienen sind. Der Ansatz der Reihe war, an passenden Orten mit musikalischer Untermalung aus den Werken zu lesen. Dies hat die Corona Pandemie nicht vollumfänglich zugelassen, aber das Konzept ist erfrischend und man darf auf Fortsetzungen in der Zukunft hoffen.

Die Erzählung „Das Geisterschiff“ ist zugleich Namensgeber für das Werk und steht an prominenter erster Stelle. Weitere Texte thematisieren maßgeblich verschiedene Außenseiter in der englischen Gesellschaft, darunter Internatsschüler, Polizisten, Landstreicher oder auch Sargverkäufer. Der Stil ist trotz der melancholischen Grundstimmung lebhaft, selbst in der Darstellung von unangenehmen Erlebnissen und Ereignissen, sodass man neben der Genauigkeit der Beobachtungen auch die Eleganz der Sprache Middletons zu schätzen lernt. Denn schon nach wenigen Sätzen ist man mitten in der Erlebens- und Gefühlswelt der Protagonisten angelangt, egal ob die Geschichten kurz oder länger sind, egal ob sie aus der Ich-Perspektive oder aus dem Fokus des beobachtenden Erzählers geschrieben wurden. So kann man die emotionale Berg- und Talfahrt des Internatsaufenthalts hautnah miterleben, aber auch die Verzweiflung des kleinen Jack über das jähe Ende seines harmonischen Familienlebens, ausgelöst durch eine Straftat des Vaters, was seinen Verständnishorizont völlig übersteigt. Man kann Ansätze von Grusel in den noch so kurzen Geschichten erspüren, aber auch die Verzweiflung, die bei perspektivlosen Kindern in Phantasiegebilde zwecks Flucht vor der tristen Realität mündet.

Auch sprachlich finden sich immer wieder Highlights, die Middletons großes Talent für die richtige Pointe, den passenden Moment begreiflich werden lassen und auch in der guten Übersetzung, die nur ganz vereinzelt von Druckfehlern beeinträchtigt ist (S. 45), schön zum Tragen kommen. Wenn er das Gefühl des Außenseiters so beschreibt: … denn ein großer Teil meines Unglücks rührte daher, dass die immerwährende Herabsetzung durch die Mehrheit mir jede Selbstachtung geraubt hatte. … (S. 38). Genau so könnte dieser Satz in einem modernen coming of age Roman stehen, wenn es um die Rolle der Selbstfindung gegen ein vermeintlich mehrheitsfähiges Normgefüge geht.

Abgerundet werden die zahlreichen Geschichten durch ein umfangreiches Nachwort, das Middletons Werdegang und sein letztliches Scheitern am materiellen Leben erläutert, sowie eine Art Glossar zu in den Geschichten verwendeten Begriffen, Wendungen oder Örtlichkeiten. So ergibt sich ein erstaunliches Gesamtbild und es ist bedauerlich, dass es Middleton nicht gelang, sein Talent in größeren Werken zu verstetigen.

 

Verlagsangaben zum Buch:

  • Erscheinungstag: Juli 2020
  • Seitenanzahl: 128
  • ISBN/Artikelnummer: 978-3-95829-782-1

Link zum Buch:

https://steidl.de/Buecher/Das-Geisterschiff-Steidl-Nocturnes-1622233460.html