Dienstag, 27. Februar 2024

Maya Leonard (Autorin) / Sam Sedgeman (Autor) / Elisa Paganelli (Illustratorin), Abenteuer Express (Band 1) – Juwelendiebe im Highland Express

Maya Leonard (Autorin) / Sam Sedgeman (Autor) / Elisa Paganelli (Illustratorin), Abenteuer Express (Band 1) – Juwelendiebe im Highland Express, Karibu Verlag

Von Dr. Verena Krenberger

Der Auftakt dieser neuen Reihe im Karibu-Verlag ist absolut unterhaltsam und lesenswert: Nicht nur Fans von Zügen kommen hier auf ihre Kosten. Der erste Band handelt von dem zehnjährigen Henry, der von seinem Onkel eingeladen wird, an der letzten Fahrt des Highland Express teilzunehmen. Onkel Nat ist Reiseschriftsteller und ausgewählt worden, über diese viertägige Reise rund um die britische Insel zu berichten, an der auch der Prinz und die Prinzessin teilnehmen werden. Zunächst hat Henry keine große Lust auf diese Reise, da er zum einen nicht an Eisenbahnen interessiert ist und zum anderen den Eindruck hat, von seinen Eltern abgeschoben zu werden. Seine Mutter erwartet nämlich ein Baby und er hat das Gefühl, dass seine Eltern ihn aus dem Weg haben wollen, bis das Baby da ist. Entsprechend missmutig geht er zunächst auf diese Reise. Recht schnell passieren aber spannende Dinge: Zunächst liest er in der Zeitung von einem spektakulären Juwelendiebstahl, dann wird im Zug tatsächlich einer der mitreisenden Gäste bestohlen. Als Henry dann feststellt, dass ein blinder Passagier an Bord ist, ist seine Neugier endgültig geweckt. Seine reine Neugier schlägt jedoch bald in echte detektivische Energie um, da er selbst verdächtigt wird, der Dieb zu sein. Als dann noch ein weiterer Diebstahl unglaublichen Ausmaßes geschieht, wird es eng für Henry: Die Polizei ermittelt an Bord und er persönlich ist der Hauptverdächtige. Onkel Nat unterstützt ihn nach Kräften und Henry findet auch Verbündete im Zugpersonal – die schlussendlich aber ebenfalls in den Fokus der Polizei rücken. Nun liegt es in Henrys Händen, seine und die Unschuld seiner Freunde zu beweisen. Mit einem raffinierten Plan, der sogar kleine James-Bond-Einlagen beinhaltet, und unter Mithilfe seiner Freunde, schafft er es am Ende natürlich, das Geheimnis zu lüften und die wahren Diebe zu entlarven.

Die Geschichte nimmt schnell Fahrt auf und gibt ihren handelnden Personen viel Raum, ihren Charakter zu entfalten. Die überschaubare Anzahl an Gästen dieser illustren Reise gibt den Autoren die Möglichkeit, verschiedene Typen auftreten zu lassen und ihre Persönlichkeitsmerkmale greifbar darzustellen. Die kleinen Hobbydetektive, die das Buch lesen, werden dabei geschickt auf allerlei falsche Fährten gelenkt, da jeder Fahrgast seine kleinen Geheimnisse hat, die nach und nach ans Licht kommen. Die zahlreichen Illustrationen verdeutlichen die Geschichte gut und lockern den Lesefluss an den richtigen Stellen auf. Kleine Unstimmigkeiten, die dem Lektorat entgangen sind, (wie z.B. der Namensfehler auf S. 16 „Onkel Henry“), werden der sympathischen Geschichte verziehen. Die Karte der Route des Highland Express ganz vorne im Buch ist exzellent und bietet gleich ein wenig geografisches Wissen zum Mitnehmen an. Schade ist nur, dass in der Geschichte selbst nur ein paar wenige der Sehenswürdigkeiten erwähnt werden (wie z.B. Balmoral Castle in Ballater oder die Forth Bridge), die Städte selbst aber nur selten, sonst hätte man den Verlauf der Geschichte immer mal wieder mit der Route abgleichen können.

Henry ist in dieser Geschichte ein Held, mit dem sich kleine Leser leicht identifizieren können: Er findet manche Erwachsenendinge langweilig, er hat familiäre Sorgen und er ist manchmal schüchtern, hat auch in manchen Situation Angst und traut sich etwas nicht. Seine Begabung besonders gut zeichnen zu können, ist ihm im Verlauf seiner Detektivarbeit äußerst hilfreich. Seine neue Freundin Lenny ist die mutigere und waghalsigere von beiden und sie ergänzen sich gut. Das Zusammenspiel der beiden, das Wachsen ihrer Freundschaft, ist sehr schön dargestellt. Ein erfreulicher Charakter ist Onkel Nat, der im Gegensatz zu den Erwachsenen in so vielen Kinderbüchern tatsächlich aufgeschlossen, freundlich und hilfsbereit zu seinem Neffen ist. Er nimmt ihn ernst, unterstützt ihn und gibt ihm die Freiheit, diesen spannenden Fall auf eigene Faust - mit seiner Rückendeckung in entscheidenden Situationen - zu lösen. Ein wertschätzender Erwachsener, den sich manch vorlesendes Elternteil gerne zum Vorbild nehmen könnte.

Insgesamt begeistert das Buch beim Vorlesen, aber auch Erstleser im späteren Grundschulalter sowie 10–12-Jährige dürften ihre Freude an dem Buch haben, da die Detektivgeschichte spannungsgeladen und mitreißend erzählt wird. Die Vorfreude auf Band 2, der am Ende des ersten Bandes mit einer Leseprobe angekündigt wird, ist auf jeden Fall geweckt!

 

Verlagsangaben zum Buch:

  • Erscheinungstag: 03.02.2024
  • Seitenanzahl: 304
  • Altersempfehlung: Ab 10 Jahre
  • ISBN/Artikelnummer: 9783961293896

Link zum Buch:

https://karibubuecher.de/book/abenteuer-express-band-1-juwelendiebe-im-highland-express-hardcover-9783961293896/

Tanya Lieske (Autorin) / Sybille Hein (Illustratorin), Wir sind (die) Weltklasse

Tanya Lieske (Autorin) / Sybille Hein (Illustratorin), Wir sind (die) Weltklasse, Hanser Verlag

Von Dr. Verena Krenberger

Ein Buch, das Kindern die Freuden und Vorteile von Vielfalt nahebringt, ist immer wichtig, vor allem aber in diesen Zeiten. Der Hanser Verlag bringt hier ein Buch heraus, das sich als Vorlesebuch oder Erstlesebuch im Grundschulalter gut eignet. Die beliebte Illustratorin Sybille Hein, die unter anderem schon den unvergessenen „Prinz Bummelletzter“ schuf, gestaltet das Buch reichhaltig und farbenfroh mit liebenswerten und witzigen kleinen Szenen, die den Unterhaltungswert des Buches noch enorm weiter steigern und die Geschichte plastisch transportieren. Der Autorin Tanya Lieske ist es ein Anliegen, so viele Aspekte der Vielfalt im Buch zu vereinen, wie nur möglich. Die Handlung spielt in einer integrativen Grundschulklasse, in der 19 Schülerinnen und Schüler aus 15 Ländern gemeinsam lernen und daher von ihrer warmherzigen Lehrerin Frau Meister, die so vieles richtig macht, als „Weltklasse“ bezeichnet wird. Die Hauptperson als Ich-Erzähler Adam kommt aus Polen und der Autorin ist daran gelegen, ein wenig polnischen Alltag, Identität und Sprache vorzustellen. Der Clou des Buches ist ein Glossar, in dem einige polnische Ausdrücke und Redewendungen übersetzt werden, die von Adam und seiner Familie eingeflochten werden. Wissbegierige Leser haben großen Spaß daran, die in lautmalerischer Sprache und Übersetzung wiedergegebenen Floskeln zu wiederholen und sich einzuprägen. Etwas unhandlich ist allerdings die Platzierung des Glossars nicht ganz am Ende, es bedeutet also viel Blätterei und Sucherei und hemmt deutlich den Lesefluss. Besser wäre es gewesen, mit Kursivschrift direkt im Text oder mit Fußnoten zu arbeiten oder zumindest das Glossar auf die allerletzten Seiten zu platzieren. Ein kleines Rezept für polnische Bigos und ein erklärender Abschlusstext über polnische Kinder in Deutschland runden das Informationspaket um Polen ab.

Nicht nur die internationale Vielfalt ist Thema dieses Buches. Auch einige der Nebendarsteller sind „spezielle“ Menschen – etwas verrückt und dadurch liebenswert. Sogar Tiere werden in den Kanon mit aufgenommen und die kleine Maus Karol spielt eine wichtige Rolle in der Weltklasse. Ebenso werden die verschiedenen Generationen dargestellt, auch mit ihren jeweiligen Schwierigkeiten: Wenn zum Beispiel die demente, türkische Großmutter einen großen Sachschaden im Supermarkt anrichtet. Und auch mentale Unterschiede werden thematisiert, als zum Beispiel ein Mädchen im Museum große Angst bekommt und sich versteckt, so dass ein Großaufgebot sie suchen muss. Die Moral der Geschichte ist dabei immer: Wir respektieren, dass jeder anders ist und helfen bei der jeweiligen Notlage. Es wird schön herausgearbeitet, wie aus der Klasse nach und nach eine Klassengemeinschaft wird.

Man könnte meinen, dass so viel pädagogischer Mehrwert das Buch bemüht und konstruiert wirken lässt. Aber die Autorin schafft es, die kleinen Alltagsbegebenheiten der Weltklasse mit Leichtigkeit zu erzählen. Zunächst stehen einzelne Episoden etwas aneinandergereiht nebeneinander, etwa ab Mitte des Buches steigt die Autorin aber in die Hauptgeschichte ein und mit dem Zusammenbau eines großen Dinosaurierskeletts nimmt die Geschichte Fahrt auf. Schlussendlich ist Mathilda, der Dinosaurier, das verbindende Element für die ganze Klasse und sogar hilfreich bei der Unterstützung der Familie der dementen Oma. Natürlich geht es überaus und übertrieben harmonisch zu in dieser Klasse und jede Lehrkraft in Brennpunktschulen kann über den beschriebenen Schulalltag nur müde lächeln. Nichtsdestotrotz ist die Botschaft des Buches wohlgemeint und ohne moralisierende Keule, auch wenn es sich um eine weichgespülte Idealwelt handelt. Wenn das Buch ein Augenöffner sein kann, dass Vielfalt nützlich und wertvoll ist, dann hat es seine Aufgabe mehr als erfüllt.

 

Verlagsangaben zum Buch:

  • Erscheinungstag: 29.01.2024
  • Seitenanzahl: 176
  • Altersempfehlung: Ab 8 Jahre
  • ISBN/Artikelnummer: 978-3-446-27924-7

Link zum Buch:

https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/tanya-lieske-wir-sind-die-weltklasse-9783446279247-t-5199

Sonntag, 4. Februar 2024

Elena Fischer, Paradise Garden

Elena Fischer, Paradise Garden, Diogenes Verlag

Der Einstieg in den Roman – und auf den ersten Satz kommt es ja immer maßgeblich an – ist schon einmal ein Schock: Die Mutter einer Teenagerin ist tot. Wie es dazu kam und unter welchen Umständen die 14-jährige Billie bisher lebte und wie es mit ihr weitergehen soll, das wird den Lesern auf den folgenden über 330 Seiten dargelegt und zwar aus der Ich-Perspektive. Man erfährt von Billies eigentlichem, aus dem Ungarischen kommenden Namen, von ihrer Mutter und später ihrer Großmutter. Von den finanziell beengten Verhältnissen, durch sie und ihre Mutter sich durchwursteln und dabei dennoch Glück erfahren – jedenfalls solange es bestimmte Interessensbereiche der Mutter nicht tangiert. Denn das Schicksal ihres eigenen Vaters bleibt Billie verborgen. Und auch das Verhältnis zur Großmutter, die noch in Ungarn lebt, bleibt unklar. Als es dann wider Erwarten zu dem glücklichen Zufall kommt, dass Billie und ihre Mutter sich einen kurzen Urlaub gönnen könnten, ein Erlebnis, das Billie bislang immer verwehrt blieb, kündigt sich auf einmal ebendiese Großmutter an und stellt das Leben der beiden auf den Kopf. Denn in der ohnehin engen Wohnung muss Billie ihr Zimmer nun für die Großmutter räumen, diese muss versorgt und ärztlich betreut werden, der Clash der Lebenskulturen ist unvermeidlich und der Urlaub ist natürlich passé. Inmitten dieser angespannten Situation glätten sich die Wogen nicht, sondern schaukeln sich immer mehr auf, vor allem als Billie entdeckt, dass die angeblich kranke Oma ihre Tabletten nicht einnimmt, sondern morgens die Toilette hinunterspült. Durch einen unglücklichen Sturz tritt dann das ein, worauf der erste Satz des Buches bereits hingewiesen hat: Billies Mutter stirbt. 

Billie kommt in der Folge zunächst in ein Kinderheim, flüchtet von dort jedoch, weil sie endlich das Meer sehen und ihre familiäre Vergangenheit aufklären will. In einer kurzen, aber abenteuerlichen Reise mit dem alten Nissan ihrer Mutter verfolgt sie eine Spur aus der Vergangenheit ihrer Mutter und landet auf einer Nordseeinsel und dort über Umwegen bei einem Haus, das sie über ein altes Foto wiedererkennt. Auch hier verläuft die Annäherung und die schließliche Begegnung mit dem Bewohner dieses Hauses abenteuerlich und birgt für alle Beteiligten eine große Überraschung. Billie ist jedoch zunächst einmal in Sicherheit und irgendwo angekommen, doch das Unwissen nagt weiter in ihr. Denn Ludger, der Hauseigentümer und ehemalige Partner der Mutter, rückt erst Stück für Stück mit Informationen über die Vergangenheit heraus. Als es dann zum nächsten großen Informationsknall kommt, flüchtet Billie erneut, doch es ist ja eine Insel und sie kommt zum Glück nicht weit. Der Schluss dieses vorletzten Kapitels hätte schon ein zwar offenes, aber schönes Ende des Buches abgegeben. Doch es geht noch ein Stück weiter und man denkt sich schon: Was soll denn jetzt noch kommen? Und tatsächlich: Es wird noch ein Stück besser und man legt nach dem letzten Satz das Buch aus der Hand und denkt sich: Was für ein großartiges Buch.

Das Werk ist eine Mischung aus unfreiwilligem Coming of age und Road trip, sprachlich packend und spannend, einfühlsam und doch schonungslos direkt. An mancher Stelle hat man ein wenig Zweifel, was den Realitätscheck der Vorgänge angeht, aber mit ein bisschen Phantasie einerseits und der deutschen Behördenträgheit andererseits ist es immerhin nicht ganz unmöglich, dass Billie so eine Reise widerfahren wäre. Die stückweise Enthüllung der Vergangenheit ist eine harte Bewährungsprobe für den Teenager Billie, aber umso schöner sind die vielen helfenden Hände, die ihr auf dem Weg zur Seite stehen, teilweise zwar nur temporär, aber dafür nicht weniger herzlich. Neben dem eigentlichen Abenteuer, das man an Billies Seite durchleben darf, ist dieser Nebenaspekt, das „Du bist nicht allein“, ein weiteres Kleinod in diesem Roman. Hinzu kommt die sprachliche Gewandtheit, die zur fortwährenden Lektüre geradezu zwingt. Der Text ist teilweise rasant und flüssig, dann aber auch stockend in der Trägheit der jeweiligen Situation, dann wieder mitreißend und stets emotional pointiert. Es ist vereinzelt sogar so, dass man an Sätzen, Sprachbildern oder Ausdrücken staunend hängenbleibt und sich diese ein paarmal durch den Kopf gehen lässt, um ihre Tragweite zu genießen – nur als Beispiel: Als Billie ins Kinderheim auf- und mitgenommen wird, konstatiert sie: „Mein Leben war in zwei Teile zerfallen. In ein Davor und ein Danach. Davor war meine Mutter die Antwort, danach war sie die Frage.“ Eine absolut Leseempfehlung.

 

Verlagsangaben zum Buch:

  • Erscheinungstag: 23.08.2023
  • Seitenanzahl: 352
  • ISBN/Artikelnummer: 978-3-257-07250-1

Link zum Buch:

https://www.diogenes.ch/leser/titel/elena-fischer/paradise-garden-9783257072501.html