Tanya Lieske (Autorin) / Sybille Hein (Illustratorin), Wir sind (die) Weltklasse, Hanser Verlag
Von Dr. Verena Krenberger
Ein Buch, das Kindern die Freuden und
Vorteile von Vielfalt nahebringt, ist immer wichtig, vor allem aber in diesen
Zeiten. Der Hanser Verlag bringt hier ein Buch heraus, das sich als Vorlesebuch
oder Erstlesebuch im Grundschulalter gut eignet. Die beliebte Illustratorin
Sybille Hein, die unter anderem schon den unvergessenen „Prinz Bummelletzter“
schuf, gestaltet das Buch reichhaltig und farbenfroh mit liebenswerten und
witzigen kleinen Szenen, die den Unterhaltungswert des Buches noch enorm weiter
steigern und die Geschichte plastisch transportieren. Der Autorin Tanya Lieske
ist es ein Anliegen, so viele Aspekte der Vielfalt im Buch zu vereinen, wie nur
möglich. Die Handlung spielt in einer integrativen Grundschulklasse, in der 19
Schülerinnen und Schüler aus 15 Ländern gemeinsam lernen und daher von ihrer
warmherzigen Lehrerin Frau Meister, die so vieles richtig macht, als
„Weltklasse“ bezeichnet wird. Die Hauptperson als Ich-Erzähler Adam kommt aus
Polen und der Autorin ist daran gelegen, ein wenig polnischen Alltag, Identität
und Sprache vorzustellen. Der Clou des Buches ist ein Glossar, in dem einige
polnische Ausdrücke und Redewendungen übersetzt werden, die von Adam und seiner
Familie eingeflochten werden. Wissbegierige Leser haben großen Spaß daran, die
in lautmalerischer Sprache und Übersetzung wiedergegebenen Floskeln zu
wiederholen und sich einzuprägen. Etwas unhandlich ist allerdings die
Platzierung des Glossars nicht ganz am Ende, es bedeutet also viel Blätterei
und Sucherei und hemmt deutlich den Lesefluss. Besser wäre es gewesen, mit
Kursivschrift direkt im Text oder mit Fußnoten zu arbeiten oder zumindest das
Glossar auf die allerletzten Seiten zu platzieren. Ein kleines Rezept für
polnische Bigos und ein erklärender Abschlusstext über polnische Kinder in
Deutschland runden das Informationspaket um Polen ab.
Nicht nur die internationale Vielfalt ist
Thema dieses Buches. Auch einige der Nebendarsteller sind „spezielle“ Menschen
– etwas verrückt und dadurch liebenswert. Sogar Tiere werden in den Kanon mit
aufgenommen und die kleine Maus Karol spielt eine wichtige Rolle in der
Weltklasse. Ebenso werden die verschiedenen Generationen dargestellt, auch mit
ihren jeweiligen Schwierigkeiten: Wenn zum Beispiel die demente, türkische
Großmutter einen großen Sachschaden im Supermarkt anrichtet. Und auch mentale
Unterschiede werden thematisiert, als zum Beispiel ein Mädchen im Museum große
Angst bekommt und sich versteckt, so dass ein Großaufgebot sie suchen muss. Die
Moral der Geschichte ist dabei immer: Wir respektieren, dass jeder anders ist
und helfen bei der jeweiligen Notlage. Es wird schön herausgearbeitet, wie aus
der Klasse nach und nach eine Klassengemeinschaft wird.
Man könnte meinen, dass so viel
pädagogischer Mehrwert das Buch bemüht und konstruiert wirken lässt. Aber die
Autorin schafft es, die kleinen Alltagsbegebenheiten der Weltklasse mit
Leichtigkeit zu erzählen. Zunächst stehen einzelne Episoden etwas aneinandergereiht
nebeneinander, etwa ab Mitte des Buches steigt die Autorin aber in die
Hauptgeschichte ein und mit dem Zusammenbau eines großen Dinosaurierskeletts
nimmt die Geschichte Fahrt auf. Schlussendlich ist Mathilda, der Dinosaurier,
das verbindende Element für die ganze Klasse und sogar hilfreich bei der
Unterstützung der Familie der dementen Oma. Natürlich geht es überaus und
übertrieben harmonisch zu in dieser Klasse und jede Lehrkraft in
Brennpunktschulen kann über den beschriebenen Schulalltag nur müde lächeln.
Nichtsdestotrotz ist die Botschaft des Buches wohlgemeint und ohne
moralisierende Keule, auch wenn es sich um eine weichgespülte Idealwelt
handelt. Wenn das Buch ein Augenöffner sein kann, dass Vielfalt nützlich und
wertvoll ist, dann hat es seine Aufgabe mehr als erfüllt.
Verlagsangaben zum Buch:
- Erscheinungstag: 29.01.2024
- Seitenanzahl: 176
- Altersempfehlung: Ab 8 Jahre
- ISBN/Artikelnummer: 978-3-446-27924-7
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