Elena Fischer, Paradise Garden, Diogenes Verlag
Der Einstieg in den Roman – und auf den ersten Satz kommt es ja immer maßgeblich an – ist schon einmal ein Schock: Die Mutter einer Teenagerin ist tot. Wie es dazu kam und unter welchen Umständen die 14-jährige Billie bisher lebte und wie es mit ihr weitergehen soll, das wird den Lesern auf den folgenden über 330 Seiten dargelegt und zwar aus der Ich-Perspektive. Man erfährt von Billies eigentlichem, aus dem Ungarischen kommenden Namen, von ihrer Mutter und später ihrer Großmutter. Von den finanziell beengten Verhältnissen, durch sie und ihre Mutter sich durchwursteln und dabei dennoch Glück erfahren – jedenfalls solange es bestimmte Interessensbereiche der Mutter nicht tangiert. Denn das Schicksal ihres eigenen Vaters bleibt Billie verborgen. Und auch das Verhältnis zur Großmutter, die noch in Ungarn lebt, bleibt unklar. Als es dann wider Erwarten zu dem glücklichen Zufall kommt, dass Billie und ihre Mutter sich einen kurzen Urlaub gönnen könnten, ein Erlebnis, das Billie bislang immer verwehrt blieb, kündigt sich auf einmal ebendiese Großmutter an und stellt das Leben der beiden auf den Kopf. Denn in der ohnehin engen Wohnung muss Billie ihr Zimmer nun für die Großmutter räumen, diese muss versorgt und ärztlich betreut werden, der Clash der Lebenskulturen ist unvermeidlich und der Urlaub ist natürlich passé. Inmitten dieser angespannten Situation glätten sich die Wogen nicht, sondern schaukeln sich immer mehr auf, vor allem als Billie entdeckt, dass die angeblich kranke Oma ihre Tabletten nicht einnimmt, sondern morgens die Toilette hinunterspült. Durch einen unglücklichen Sturz tritt dann das ein, worauf der erste Satz des Buches bereits hingewiesen hat: Billies Mutter stirbt.
Billie kommt in der Folge zunächst in ein Kinderheim, flüchtet von dort jedoch,
weil sie endlich das Meer sehen und ihre familiäre Vergangenheit aufklären
will. In einer kurzen, aber abenteuerlichen Reise mit dem alten Nissan ihrer
Mutter verfolgt sie eine Spur aus der Vergangenheit ihrer Mutter und landet auf
einer Nordseeinsel und dort über Umwegen bei einem Haus, das sie über ein altes
Foto wiedererkennt. Auch hier verläuft die Annäherung und die schließliche Begegnung
mit dem Bewohner dieses Hauses abenteuerlich und birgt für alle Beteiligten
eine große Überraschung. Billie ist jedoch zunächst einmal in Sicherheit und irgendwo
angekommen, doch das Unwissen nagt weiter in ihr. Denn Ludger, der
Hauseigentümer und ehemalige Partner der Mutter, rückt erst Stück für Stück mit
Informationen über die Vergangenheit heraus. Als es dann zum nächsten großen
Informationsknall kommt, flüchtet Billie erneut, doch es ist ja eine Insel und
sie kommt zum Glück nicht weit. Der Schluss dieses vorletzten Kapitels hätte schon
ein zwar offenes, aber schönes Ende des Buches abgegeben. Doch es geht noch ein
Stück weiter und man denkt sich schon: Was soll denn jetzt noch kommen? Und
tatsächlich: Es wird noch ein Stück besser und man legt nach dem letzten Satz
das Buch aus der Hand und denkt sich: Was für ein großartiges Buch.
Das Werk ist eine Mischung aus unfreiwilligem
Coming of age und Road trip, sprachlich packend und spannend, einfühlsam und
doch schonungslos direkt. An mancher Stelle hat man ein wenig Zweifel, was den
Realitätscheck der Vorgänge angeht, aber mit ein bisschen Phantasie einerseits
und der deutschen Behördenträgheit andererseits ist es immerhin nicht ganz unmöglich,
dass Billie so eine Reise widerfahren wäre. Die stückweise Enthüllung der
Vergangenheit ist eine harte Bewährungsprobe für den Teenager Billie, aber umso
schöner sind die vielen helfenden Hände, die ihr auf dem Weg zur Seite stehen, teilweise
zwar nur temporär, aber dafür nicht weniger herzlich. Neben dem eigentlichen
Abenteuer, das man an Billies Seite durchleben darf, ist dieser Nebenaspekt,
das „Du bist nicht allein“, ein weiteres Kleinod in diesem Roman. Hinzu kommt die
sprachliche Gewandtheit, die zur fortwährenden Lektüre geradezu zwingt. Der Text
ist teilweise rasant und flüssig, dann aber auch stockend in der Trägheit der jeweiligen
Situation, dann wieder mitreißend und stets emotional pointiert. Es ist vereinzelt
sogar so, dass man an Sätzen, Sprachbildern oder Ausdrücken staunend
hängenbleibt und sich diese ein paarmal durch den Kopf gehen lässt, um ihre Tragweite
zu genießen – nur als Beispiel: Als Billie ins Kinderheim auf- und mitgenommen
wird, konstatiert sie: „Mein Leben war in zwei Teile zerfallen. In ein Davor
und ein Danach. Davor war meine Mutter die Antwort, danach war sie die Frage.“ Eine
absolut Leseempfehlung.
Verlagsangaben zum Buch:
- Erscheinungstag: 23.08.2023
- Seitenanzahl: 352
- ISBN/Artikelnummer: 978-3-257-07250-1
Link zum Buch:
https://www.diogenes.ch/leser/titel/elena-fischer/paradise-garden-9783257072501.html
