Sonntag, 29. September 2024

Maya G. Leonard (Autorin) / Sam Sedgman (Autor) / Elisa Paganelli (Illustratorin), Abenteuer-Express (Band 2) – Entführung im California Comet

Maya G. Leonard (Autorin) / Sam Sedgman (Autor) / Elisa Paganelli (Illustratorin), Abenteuer-Express (Band 2) – Entführung im California Comet, Karibu Verlag

Von Dr. Verena Krenberger

Hier kommt nun der zweite Band um den jungen Helden Henry Beck. Der Abenteuer-Express ist - nach dem britischen Highland Express aus dem ersten Band - diesmal der California Comet in den Vereinigten Staaten von Amerika und auf dem Weg nach San Francisco. Henry wird von seinem Onkel Nat eingeladen, mit ihm auf diese Zugreise zu gehen. War er im ersten Band noch gar nicht so begeistert, auf eine – wie er dachte – langweilige Zugreise zu gehen, ist er seit seinem ersten Abenteuer absoluter Fan von Zügen und daher absolut glücklich, als sein Onkel ihm als Geburtstagsgeschenk diese Reise verspricht. Onkel Nat ist Reisejournalist und daher beruflich im California Comet unterwegs. Die beiden fliegen daher in die Vereinigten Staaten und treten ihre Reise an, von der sie sich erhoffen, dass sie weniger abenteuerlich werden wird als die letzte. Natürlich ist dies nicht der Fall. Henry freundet sich nach kurzer Zeit mit Marianne Reza an, von der er später erfährt, dass sie eine Milliardärstochter ist. Ihr Vater hat einen eigenen Waggon am Zug, in den das Mädchen Henry einlädt. Marianne benimmt sich allerdings sehr eigenartig. Später lernt Henry noch die Geschwister Hadley und Mason kennen, die ihm Zaubertricks vorführen. Bei einer Pressekonferenz, die Herr Reza gibt, geschieht plötzlich etwas Entsetzliches: Seine Tochter wird vor aller Augen entführt. Henry begibt sich natürlich sofort auf Spurensuche, unterstützt von Hadley und Mason und seinem Onkel. Schlussendlich nimmt die Geschichte eine erstaunliche Wendung, mit der kleine Leser sicherlich nicht rechnen. Durch Kombination kleinster Details und vor allem mit Hilfe seines Skizzenbuchs gelingt es Henry schlussendlich, das Rätsel zu lösen.

Ein wiederkehrendes Element dieser Reihe ist der Umstand, dass Kinder häufig die Erfahrung machen, dass Erwachsene ihnen nur halb zuhören und nicht glauben. Onkel Nat ist da die erfreuliche Ausnahme und es ist schade, dass Henry ihm erneut – wie auch im ersten Band – nicht das durchgängige Vertrauen schenkt, wie er es verdient hätte. Das Buch möchte Kinder dazu ermutigen, dennoch nicht aufzugeben, mutig an ihre Version der Geschichte zu glauben und beharrlich weiter voranzuschreiten.

Henry ist so ein mutiger Charakter, der höflich bleibt, aber beharrlich der Spur folgt, die er einmal aufgenommen hat. Wie auch im ersten Band sind die Bleistiftzeichnungen im Buch als jene von Henry zu sehen und sie geben daher detailgetreu die Szenen der Geschichte wieder. Auch diesmal helfen sie wieder in entscheidenden Momentan bei der Lösung des Rätsels und sind somit keine reinen Illustrationen, sondern Teil der Geschichte.

In dieser nun in Amerika spielenden Geschichte gibt es in der deutschen Übersetzung leider die Schwierigkeit, dass die sprachlichen Unterschiede zwischen britischem und amerikanischem Akzent nicht nachvollziehbar sind, die häufig von Mason und Henry thematisiert werden.

Das Grundthema des Buches, dass Eltern ihren Kindern nicht genug Aufmerksamkeit schenken, sich zu wenig für deren Bedürfnisse interessieren und sogar über ihren Kopf hinweg oder gegen deren Willen einschneidende Entscheidungen für deren Leben treffen, ist natürlich ein Evergreen in Kinderbüchern. Im Kleinen machen Kinder diese Erfahrung täglich. In der Geschichte widerfährt es Marianne Reza und die ist tatsächlich nicht zu beneiden. Doch ist die Lösung, die von Marianne im Buch ersonnen wird und für die sie Verbündete findet, wogegen sich Henry aber sehr zur Wehr setzen muss, ist äußerst bizarr und außerhalb der Lebenswirklichkeit der jungen Leser. Mit anderen Worten ist der Plot diesmal sehr weit hergeholt und abstrakt. Auch die Brutalität, mit der mancher der Gangster vorgeht, ist überraschend für ein Kinderbuch – dass Henry tatsächlich um sein Leben fürchten muss, ist ein unschöner Teil der Geschichte, die auch mit weniger Aggression gut funktioniert hätte. Dennoch ist auch diese Detektivgeschichte wieder sehr packend geschrieben, sie regt zum genauen und aufmerksamen Lesen an, um keines der Details zu verpassen, die zur Lösung des Rätsels führen.

 

Verlagsangaben zum Buch:

  • Erscheinungstag: 03.08.2024
  • Seitenanzahl: 288
  • Altersempfehlung: Ab 10 Jahre
  • ISBN/Artikelnummer: 9783961294046

Link zum Buch:

https://karibubuecher.de/book/abenteuer-express-band-2-entfhrung-im-california-comet-hardcover-bebildert-978396129446/

Mittwoch, 25. September 2024

Vincent Zabus (Autor) / Nicoby (Illustration), Sofies Welt oder die Geschichte der Philosophie - Bis heute

Vincent Zabus (Autor) / Nicoby (Illustration), Sofies Welt oder die Geschichte der Philosophie - Bis heute, Hanser Verlag

Vor vielen Jahren fesselte Jostein Gaarders Roman „Sofies Welt“ Millionen von Lesern weltweit und hat sogar einen eigenen Wikipedia-Eintrag. Viele haben versucht, auf der Welle der Philosophie-Erklärbücher mitzuschwimmen, aber an die Einzigartigkeit von Sofies Welt kam keines der Werke heran. Die Idee, den Roman als Graphic Novel zu interpretieren, ist demgegenüber eher eine Verneigung vor Gaarder und seiner Schöpfung und kein Versuch, daraus imitierend Kapital zu schlagen. In insgesamt zwei Bänden hat das schöpferische Duo Zabus / Nicoby den Roman in Bilder und Sprechblasen umgesetzt und so etwas ganz Eigenes geschaffen.

Der zweite hier vorgestellte Band stellt die Geschichte der Philosophie vom Zeitalter der Aufklärung bis in die heutige moderne Zeit dar. Problematisch ist natürlich der Einstieg, wenn man das Werk als Standalone erwirbt und lesen möchte. Zwar entfaltet es nach kurzer Zeit seinen inhaltlichen und optischen Reiz, aber man merkt rasch, dass man eigentlich doch auch die bisherigen Ereignisse aus dem ersten Band kennen möchte, um den Gesamtzusammenhang zu verstehen. Selbstverständlich schadet es ganz und gar nicht, wenn man auch den Roman „Sofies Welt“ gelesen hat oder zumindest in den wesentlichen Grundzügen kennt.

Zur Sprache kommen als pars pro toto ausgewählte Vertreter einer philosophiegeschichtlichen Epoche, wenn diese prägend waren und noch heute Gegenstand der Forschung sind. Alternativ werden Zeitbereiche mit diversen Philosophen und ihren Denkmodellen thematisch vorgestellt. So dürfen Sofie und Alberto mehrere herausragende Denker kennenlernen, darunter Descartes, Spinoza, Marx, Darwin oder Freud. Weitere Kapitel betreffen die Empiristen (darunter Locke oder Hume), den Gesellschaftsvertrag (mit u.a. Rousseau und Hobbes), die Aufklärung mit ihrem großen Protagonisten Kant oder auch die Romantik (mit z.B. Schelling und Hegel). Das „20. Jahrhundert“ erfasst als Kapitel die großen französischen Denker wie Sartre, Camus und de Beauvoir sowie Nietzsche.

Die Verknappung der Texte Gaarders in Comicform ist eine besondere sprachliche Herausforderung. Umso erfreulicher ist es, wie intensiv die Dialoge zwischen Sofie und Alberto auch in dieser Kunstform ihren Zauber entfalten und das Prinzip des Hinterfragens, des Zweifelns, des Durchdenkens immer wieder erkennen lassen, um so über Umwege, Ecken und Kanten zur Erkenntnis zu gelangen. Die Trennung zwischen Leben und Existenz, zwischen Sein und Schein wirkt manchmal nur ausgedacht – oder auch wieder nicht. So gelangt man spielerisch zu den großen Fragen und Leitlinien des Lebens, des eigenen und das der anderen, und kann dann für sich entscheiden, wie tief man gedanklich schürfen möchte, um mehr über sich selbst und das Weltgebäude um einen herum zu erfahren.

Ich mochte schon den Roman sehr und kann auch diese Graphic Novel nur nachdrücklich empfehlen. Erwachsene werden das Werk ebenso schätzen wie Jugendliche ab ca. 12, wohl eher ab 14 Jahren, wenn ohnehin altersbedingt die großen Existenzfragen gestellt werden.

 

Verlagsangaben zum Buch:

  • Erscheinungstag: 20.11.2023
  • Seitenanzahl: 264
  • Altersempfehlung: Ab 14 Jahre
  • ISBN/Artikelnummer: 978-3446277953

Link zum Buch:

https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/sofies-welt-oder-die-geschichte-der-philosophie-bis-heute-9783446277953-t-4011

Sonntag, 22. September 2024

Fabio Bacà, NOVA

Fabio Bacà, NOVA, Kunstmann Verlag

Der Roman trifft (vielleicht ungewollt) einen Nerv der Zeit, in der extreme Parteien und deren demokratieverachtender Habitus im Aufschwung befindlich sind und damit auch die Anwendung von verbaler und physischer Gewalt salonfähig zu werden droht. Wie also geht man mit Gewalt um, wenn man im Alltag damit unvermittelt konfrontiert wird? Mit dieser Frage wird der Protagonist des Buches, der Neurochirurg Davide Ricci, nicht nur konfrontiert, sondern regelrecht belastet, denn körperliche Gewalt überfordert ihn über alle Maße. Dabei weiß er doch eigentlich alles über das menschliche Gehirn und die menschliche Psyche und sollte nicht nur fremde Handlungsmuster erkennen und analysieren, sondern auch für sich ein entsprechendes Reaktionsregime entwickeln können. Aber er scheitert daran zunächst grandios. Sein Nachbar Massimo Lenci geht ihm mit seiner Bar und dem ständigen nächtlichen Lärm auf die Nerven, seine Frau und sein Sohn werden in einem Restaurant von einem Betrunkenen angegriffen und er steht wie gelähmt in der Nähe, ohne einzugreifen, und muss beobachten, dass ein völlig Fremder, der sich später als Diego entpuppt, die Situation recht archaisch löst: mit Gewalt gegen den Belästiger. Damit stellen sich für ihn neue Fragen: Was ist die Grenze von Gewaltlosigkeit zur Feigheit? Und wie kann man diesen Zustand der Apathie ändern, ohne dabei zum blutrünstigen Schläger zu werden?

Es dauert unglaublich lange, bis das Buch erzählerisch an Fahrt aufnimmt. bisweilen fühlt man sich wie ein Beobachter eines lethargischen und passiven Davide Ricci, der irgendwann von den von außen auf ihn einwirkenden Kräften zermalmt zu werden droht. Dass es am Ende anders kommt, ist - dem Grunde nach - ein positiver Fortgang der Geschichte, aber so richtig nachvollziehen kann man diese Wandlung nicht. Insbesondere nicht anhand des vielfach in Großbuchstaben betonten Wortes KRAFT, die wohl Diego als auch Davide inzwischen erkannt und für sich genutzt haben, um den in ihnen schlummernden Fähigkeiten notfalls unter Ausübung von Gewalt Bahn zu brechen. 

Was mich an dem Buch zum zweiten nicht überzeugt ist die Vielfalt von Charakteren, die auch in Detailkapiteln näher vorgestellt werden, aber zum eigentlichen Fortgang und Ausgang der Geschichte überhaupt nichts Sinnvolles beitragen. Dies betrifft insbesondere die Ehefrau und den Sohn von Davide, die zwei lebhafte Randfiguren bleiben, aber letzten Endes nur Katalysatoren für Davides Entwicklung sind. 

Schließlich hat mich die elaborierte Sprache nicht „abgeholt“. Man kann ganze Passagen einfach schräg überfliegen, weil der Autor meint hier irgendwelches Wissen in einen Prosatext verpacken zu müssen, das jedoch der Geschichte weder dienlich ist, noch ihr einen besonderen Charakter gibt, wie es der Schein aber glauben machen möchte. Wenn sowohl Diego als auch Davide mit irgendwelchen wissenschaftlichen Hintergründen einen Gewaltausbruch blumig umschreiben, bleibt es immer noch ein simpler, roher, physischer Akt. Auch Davides Karriere im Krankenhaus dient eher als erzählerischer Nebenstrang, der sich zwar überraschend positiv für ihn auswächst, aber auch hier wird die eigentliche Geschichte mit Davides Erkenntnis über die Anwendung von Gewalt samt den zugehörigen Selbstzweifeln nicht wirklich vorangebracht.

Insgesamt kann man gut zu dem Ergebnis kommen, dass der Autor ein begnadeter Erzähler ist. Aber die Kunst ein gutes, das heißt ggf. auch ein kurzes Buch zu schreiben, ist nicht jedem von Anfang an gegeben. Mir ist die Geschichte zu überladen, sprachlich zu aufgesetzt und in sich leider unlogisch. Dennoch war die Lektüre durchaus angenehm.

 

Verlagsangaben zum Buch:

  • Erscheinungstag: 17.08.2023
  • Seitenanzahl: 286
  • ISBN/Artikelnummer: 978-3-95614-560-5

Link zum Buch:

https://www.kunstmann.de/buch/fabio_baca-nova-9783956145605/t-0/