Annika Büsing, Nordstadt, Steidl Verlag
Es ist deutlich
schwerer, ein gutes kurzes Buch zu schreiben als ein langes. Annika Büsing ist
es gelungen. Ein Roman von gerade einmal 120 Seiten, der verbal und inhaltlich
ein echtes Kraftpaket ist. Der die Leser mitnimmt, phasenweise auch leiden
lässt, an den Protagonisten, mit den Protagonisten, aber vor allem an den
Umständen, gegen man sich noch so sehr anzustemmen versucht, sie aber doch
nicht abändern kann, sondern sie als lebenslange Begleiter und Prägungen
mitschleppen muss.
Nene hat eine
harte Kindheit hinter sich, kommt aus dem und lebt im Norden einer unbenannten
Stadt, aber dass es eher der heruntergekommene Teil der Stadt ist, merkt man
auch ohne Namedropping. Nachdem die Autorin aus dem Ruhrgebiet stammt und man
dort zahlreiche Städte auf Anhieb benennen kann, die nicht gerade für ihr
pittoreskes und touristisch wertvolles Äußeres bekannt sind und die noch dazu
mit problembeladenen Stadtteilen ausgestattet sind, hat der Roman auch eine
harte Erdung zu bieten. Trotz eines trinkenden und prügelnden Vaters, von dem
sie sich in ihren Teenagerjahren endlich aus eigener Anstrengung heraus
zumindest physisch distanzieren kann, trotz einer Vergewaltigung auf einem
Spielplatz, trotz eines Lebens in Armut kann sie eine Ausbildung als
Bademeisterin antreten, erfolgreich abschließen und fortan in diesem von ihr
geliebten Beruf arbeiten. Dort begegnet sie interessanten Menschen, mal
einmalig, mal immer wieder, darunter auch Boris, der durch eine Kinderlähmung
körperlich beeinträchtigt ist. Trotz der äußeren und inneren Hindernisse, die
beide mit sich herumschleppen, nähern sie sich an und finden sich, natürlich
nicht ohne wechselseitige Verletzungen. Aber was ist zu erwarten, wenn man wie
die beiden ein Leben führt, das von mehr Rückschlägen als Jubeltagen geprägt
war? Umso mehr gönnt man den beiden einen gemeinsamen Weg gegen alle
Widrigkeiten, eigene und fremde.
Dass über die
Autorin die Information mitgeteilt wird, sie arbeite als Gymnasiallehrerin habe
ich zuerst ein bisschen störend empfunden. Denn auch wenn sie selbst Kind des
Ruhrgebiets sein mag und harte Sprache und kantige Lebensläufe erlebt haben
dürfte, ist es doch ein Unterschied, ob man ein Topos quasi von innen heraus
erarbeitet oder nur darüber schreibt, selbst wenn es mit authentisch wirkender Sprache
ist. Und ob man Schicksale wie die von Nene und Boris glaubhaft ausbreiten
kann, wenn man im Alltag, nach Abitur und Studium, mit Kindern zu tun hat, die
die Beeinträchtigungen der beiden nicht zwingend als tägliche Begleiter
erleiden müssen, darüber kann man zumindest kritisch nachdenken. Dennoch
schafft Büsing diesen Spagat in beeindruckender Weise und kann insbesondere mit
markigen Statements, die Nene in ihren Gedankentiraden setzt, so starke
Pluspunkte sammeln, dass mögliche Zweifel über die Vereinbarkeit von
Autorenerleben und gewählter Sprachebene hintenanstehen müssen. Beispiele
dafür: Wenn Nele in einer wahren Kaskade herunterbricht, warum keine Erklärung
der Welt rechtfertigen oder relativieren kann und darf, dass ihr Vater sie
geschlagen und erniedrigt hat, da sich hier jede Kausalität verbietet, ja
verbieten muss, ist das großartig (S. 69; Seitenangaben der Paperback-Ausgabe).
Oder wenn sie erkennt, wie so oft, wie einsam sie ist und was das mit ihr macht
(S. 100), was Einsamkeit für eine zerstörerische Kraft entfesseln kann, von der
aber die Außenwelt viel zu spät Notiz nimmt. Gleiches gilt für die Klüfte
schaffende Armut, die insbesondere Kinder oft nie wieder überwinden werden (S.
117). Das Buch macht erschreckend deutlich klar, dass man versuchen kann, zu
verdrängen, zu überwinden, zu vergessen, dass aber die Psyche alles Erlebte
immer wieder hochkommen lassen kann und so einen erbarmungslosen Zwang aufrecht
erhält, an dem man auch leicht mit seinem Leben scheitern kann.
Zum Glück finden
sich auch immer wieder Kontrapunkte, zynische, schnoddrige Sprüche der
Beteiligten oder auch eingestreute Ironie, wie wenn auf S. 112 konstatiert
wird, dass man über Glück und Familie heutzutage keine Romane mehr schreiben
könne. So wahr und doch so falsch zur gleichen Zeit und damit ein gelungener
Punch in die Aufmerksamkeit der Leser.
Vieles bleibt
Fraktur und fügt sich doch zu einem stimmigen Gesamtbild. Wiederholungen passen
zu den Charakteren, ohne Redundanz zu erzeugen. Man würde die beiden, Nene und
Boris, gerne ein wenig weiter beobachten, um zu sehen, ob sie ihrer Dämonen und
ihrer Wut Herr werden und sich gegenseitig das Gerüst zu geben vermögen, das
sie bisher entbehren müssen. Aber das wäre zuviel Familienglück, da kann man
nicht darüber schreiben. All das zeigt: die Lektüre lohnt sich, ein kantiges,
wunderbares Debüt.
Verlagsangaben
zum Buch:
- Erscheinungstag: 07.02.2022
- Seitenanzahl: 128
- ISBN/Artikelnummer: 978-3-96999-064-3
Link zum Buch:
https://steidl.de/Buecher/Nordstadt-0711244146.html?SID=LENNmrSa87ae