Jan Costin Wagner, Am roten Strand, Galliani Verlag
Nachdem vor etwa
zwei Jahren der erste Krimi um das Ermittlerteam Ben Neven und Christian
Sandner unter dem Titel „Sommer bei Nacht“ erschienen war (Rezension hier),
kommt nun die Fortsetzung sowohl der damals begonnenen Geschichte als auch die
Fortentwicklung der agierenden Personen auf den Markt: „Am roten Strand“. Gegen
Neven läuft noch die interne Ermittlung, da er im Vorgängerroman einen der
Täter erschossen hatte, der eigentliche Drahtzieher eines noch aufzudeckenden
Pädophilenrings ist in Haft, aber dennoch haben die Polizisten noch einiges zu
tun. Denn weitere Mittäter und Hintermänner werden ausfindig gemacht,
beschattet, konfrontiert und dennoch schneller als die Ermittler ihre Arbeit
tun können zu Tode gebracht. Der eigentliche Ermittlungsansatz wandelt sich von
da an und verschafft den Tätern ungewollt eine Zweitrolle als Opfer. Das Team,
erweitert um den Beamten Heiko Lederer und die vorherige Leiterin der internen
Ermittlung gegen Neven, Maren Keller, tappt zunächst im Dunkeln.
Im Präsidium
Wiesbaden konzentriert sich nun zudem die bundesweite Ermittlung gegen die
Kunden und Mittäter. Einer ist der beim Joggen im Park mit einer Schere
ermordete Hanno Eigler, der für ein Treffen mit dem Haupttäter verabredet war
und dazu seine kleine Tochter mitgebracht hatte. Ein weiterer ist der
IT-Administrator der Gruppe, Dahms, der vergiftet wird und bei der Vernehmung
zusammenbricht. Die Arbeit des Teams besteht fortan nicht nur aus der
Ermittlung im Sumpf der Abartigkeiten, sondern auch in der Suche nach dem neuen
Täter gegen die Täter. Dies erfolgt mit klassischer Ermittlungsarbeit, sprich
Zeugenbefragung, Auswertung von Überwachungsvideos, Rückschlüssen aus
Gesprächen und Chatverläufen und dem einen oder anderen unerwarteten Hinweis,
unter anderem von Landmann, dem früheren Vorgesetzten von Neven, der von diesem
immer einmal wieder um geistigen Input gebeten wird. Am Ende findet sich die
Ursache der Tötungen und es wird auch eine Art wissenschaftlicher
Begleitkontext dazu angeboten, die wohl erklären soll, wie die Person es trotz
oder gerade wegen ihres Hintergrunds geschafft hat, die Taten zu begehen.
Der Krimi liest
sich wie auch der Vorgängerband flott, die ständigen Perspektivwechsel sind
diesmal besser aufeinander abgestimmt und es finden sich auch einmal längere
Textpassagen. So können die Figuren auch weiterentwickelt werden, jedoch
allenfalls dergestalt, dass man sie bei mehr Einzelheiten ihres Alltags
beobachten darf: Neven beim Verheimlichen, Ausleben und Bereuen seiner eigenen
pädophilen Neigungen, Sander beim Zusammenleben mit einem ehemaligen
Missbrauchsopfer, Landmann beim Stochern im Nebel der eigenen Nicht-Erkenntnis
über das Schicksal einer Tochter Barbara, Keller beim Hineinfinden in das Team
und den Fall. Echte Erklärungen für die einzelnen Charaktere gibt es aber
nicht, insbesondere nicht für Nevens Neigung oder deren Auswirkung auf den Fall.
Dass er sich an Asservaten bedient, um heimlich seinen Vorlieben zu frönen, ist
nachvollziehbar, aber dies hat außer der thematischen Identität nichts mit dem
Fall zu tun. Er macht seine Arbeit gut, seine Familie leidet bisher nicht unter
der Problematik, sodass das Aufbauschen dieser Eigenart als Besonderheit der
Krimireihe („Und ausgerechnet der Polizist, in dem viele seiner Kollegen einen
Helden sehen, bewahrt ein Geheimnis, vor dem er sich selbst entsetzt …“)
deplatziert wirkt.
Auch wie beim
Vorgängerband ist die eigentliche Struktur des Krimis recht flach. Die Auflösung
muss am Ende die IT liefern und eine psychische Besonderheit soll die Taten schlüssig
machen. Das ist nicht spannend und sehr „Tatort“-ähnlich. Die Ermittler
erachten die Ermordung der Täter klammheimlich als gerechtfertigt, die Tötung
des Pflichtverteidigers geht als bedauerlicher Kollateralschaden irgendwie
durch. Ein echter Cliffhanger ist nicht vorhanden und man fragt sich, wie sich
das Ermittlerteam in den nächsten Fall retten soll. Ebenso bedauerlich, wie
auch beim ersten Band, ist die gewollte Kürze der sprunghaften Kapitelpassagen.
Denn so kommt die aus früheren Romanen von mir so geschätzte Sprachgewalt
Wagners nicht ansatzweise zur Geltung. Es ist natürlich ein solider, gut
lesbarer und unterhaltsamer Krimi, aber den enthusiastischen Einschätzungen,
die z.B. auf der Verlagsseite zitiert werden, kann ich mich nicht anschließen.
Dafür fehlt mir die Erzählkunst Wagners zu sehr, die mich in seinen Büchern
bisher so begeistert hat.
Verlagsangaben
zum Buch:
- Erscheinungstag: 10.03.2022
- Seitenanzahl: 304
- ISBN/Artikelnummer: 978-3-86971-209-3
Link zum Buch:
https://www.galiani.de/buch/jan-costin-wagner-am-roten-strand-9783869712093
