Annelies Beck / Hanneke Siemensma, Gedanken denken, Bohem Verlag
Das aus dem Niederländischen übersetzte
neue Kinderbuch „Gedanken denken“ erfüllt inhaltlich wie optisch die Erwartungen,
die man an ein Werk aus dem Bohem-Verlag hat (sofern man bereits Titel des
Verlages kennt und gelesen hat): Eine reduzierte, aber künstlerisch wertvolle
Illustration, dazu ein ebenfalls reduzierter Text mit wichtigem Meta-Thema.
Dies birgt natürlich immer die Gefahr, dass man aus der Erwachsenenperspektive
ein bezauberndes Buch geschaffen hat, das aber aufgrund eines zu hohen
Abstraktionsgrads die Zielgruppe nicht vollends erreicht. So dürfte der Fall
auch hier liegen.
Ausgangspunkt ist die typisch kindliche Frage
„Was sind Gedanken?“. Fragestellerin ist die junge Nora, die die Leser und
Betrachter fortan mit weiteren Folgefragen begleitet und die Antworten
einzuordnen versucht. Nur: wer ist der Antwortgeber? Ist es eine erwachsene
Person? Oder gar, fast schon metaphysisch, die Katze, die sie von Beginn an bis
zum Schluss begleitet? Das Schlussbild könnte fast darauf hindeuten, was dem
Ganzen ein wenig einen märchenhaften Anstrich gäbe – ohne dass das dem Buch
schaden würde. Oder führt Nora gar einen inneren Dialog mit ihren Gedanken?
Spannend zu diskutieren.
Ausgehend von der Ausgangsfrage wird
fortan (leider) rein deskriptiv das Denken umrissen und mit Beispielen
untermalt, in Worten und Bildern. Gedanken sind aktiv, beeinflussen die Sinne
und werden von ihnen beeinflusst, haben mal mehr, mal weniger Bedeutung. Sehr
interessant, aber leider ohne tiefergehende Erklärung, kulminieren die ersten
Überlegungen in der Erkenntnis, dass Wissen und Denken „Verwandte, aber keine
Freunde“ sind. Das ist ein erster Wow-Effekt, jedenfalls aus Erwachsenensicht.
Spätestens an dieser Stelle hätte man, wenn man Kinder mit abstrakten
Denkprozessen konfrontiert, einsteigen können, um Wissen, Fühlen, Glauben und
Denken zu eruieren, notfalls bildlich. Diese Chance wurde aber vertan.
Stattdessen erfolgt ein Themenwechsel zur Frage der zeitlichen Erscheinung und
Dauer von Gedanken, zu ihrer Unberechenbarkeit und ihrer Bestimmbarkeit. Auch
hier hätte die Determination als grandioses philosophisches und
neurowissenschaftliches Thema angeschnitten werden können – verschenkt.
Nächstes Thema: das Verschwinden von Gedanken. Das Vergessen. Toll illustriert,
genauso wie vorher die Flüchtigkeit eines Gedankens. Aber auch hier wieder
folgt der abrupte Themenwechsel. Insgesamt verbleibt es durchgehend bei
Beispielen, bei Beschreibungen, ohne die Tür zur Metaebene zu öffnen.
Das Buch ist verlagsseits für Kinder ab 4
Jahren empfohlen. Das ist für dieses Thema ambitioniert, aber denkbar, wenn
Kinder frühzeitig mit Sprache, Büchern und Grübeleien in Kontakt kommen. Möchte
man diesen Kindern eine Brücke zu den philosophischen Fragestellungen bauen,
die im Buch angesprochen werden, hätte es an vielen Stellen ein wenig mehr sein
dürfen. So bleibt es ein schönes, aber eben phasenweise zu abstraktes Buch,
weil nur beschrieben, aber nicht erklärt wird. Für Erwachsene ist es definitiv ein
kontemplatives, bereicherndes Buch, da es bei diesen genügt, ein Thema nur anzureißen,
um es auf der Metaebene mit Leben zu füllen. Bei den Kindern als Adressaten bin
ich mir hingegen einfach nicht sicher, ob die Botschaft des Buches realisiert
werden kann. Sie ist hochkomplex, was sich auch auf der letzten Seite gekonnt
niederschlägt. Aber gerade das ist eine Gratwanderung, die womöglich teilweise
ein Zusteuern von Informationen und Erklärungen durch die Vorlesenden gebietet.
Und dennoch: ich bin vom Thema und gerade von
der Bebilderung sehr angetan. Lieber ein ambitioniertes als ein plattes Buch.
Aus meiner Sicht sehr empfehlenswert, ich hoffe viele Kinder werden von diesem
Werk zum Denken, Grübeln und Hinterfragen angeregt.
Verlagsangaben zum Buch:
- Erscheinungstag: 16.06.2023
- Seitenanzahl: 40
- Altersempfehlung: Ab 4 Jahre
- ISBN/Artikelnummer: 978-3-95939-223-5
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