Flix, Immerland – Die Stadt der Ewigkeit, Hanser Verlag
Von Dr. Verena Krenberger
Sehr verträumt, sehr spielerisch und sehr
bildgewaltig kommt dieses Erstlingswerk von Flix daher. Die Gestaltung des
Einbands ist wunderschön und spielt mit kleinen Elementen gekonnt auf die
Inhalte der Geschichte an. Detailreich wie der Einband ist auch die vom Autor
erdachte Welt. Die kleinen schwarz-weißen Zeichnungen in den Kapiteln
präsentieren immer genau das Detail, das dem Leser die Geschichte näherbringt.
Doch wunderschön und verspielt ist an dieser Geschichte alles nur
vordergründig.
Den Prolog versteht man in seiner
Tragweite und Schrecklichkeit erst nachdem man die ganze Geschichte gelesen
hat. Doch schon der erste Satz des ersten Kapitels schlägt ein wie eine Bombe:
„Als Mika aus dem Zug stieg, ahnte er nicht, dass er heute sterben würde.“
Danach geht es erstmal gemächlich los, wenn der 12 5/6 Jahre alte Teenager Mika
vorgestellt wird, der gar keine Lust darauf hat, seine Sommerferien bei seiner
Oma zu verbringen. Seine Mutter ist auf mysteriöse Weise verschwunden, sein
Vater auf Dienstreise, so muss er aufs Land zu seiner verrückten Oma, die
offensichtlich früher Physikerin war, mittlerweile aber eher verschroben ist.
Mika ist eher der Typ Antiheld, wird in der Schule gemobbt und hat auch
ansonsten wenig hervorstechende Eigenschaften. Er zockt gerne – wie jeder
Teenager. Da findet er auf dem Dachboden den Umschlag eines Briefes seiner
Mutter und ist außer sich: Es kann nicht anders sein, als dass seine Oma ihm
diesen Brief vorenthalten hat! Als dann seine Oma plötzlich eine Art Herzanfall
oder ähnliches hat, fällt seine Welt mit einem Mal in sich zusammen. Er zerrt
seine bewusstlose Oma in deren alten Geländewagen und fährt mit ihr nachts
durch das Gewitter, um sie zu einem Arzt zu bringen. Doch er kommt von der
Straße ab und wird über die Klippe geschleudert. Um hier kurz einzuhaken: Schon
dies alles ist harter Tobak für die anvisierte Zielgruppe von 10-14-jährigen
Lesern. Ein Junge mit offensichtlich traurigem Schicksal muss seine sterbende
Oma retten und begibt sich auf ein haarsträubendes Manöver, bei dem er
schrecklich scheitert. Keine erquickliche Lektüre.
Dann jedoch wird Mika mit seiner Oma auf
wundersame Weise gerettet, indem er von einem Ballon in Form eines Wals
abgeholt und zur Stadt gebracht wird. In dieser Stadt ist nichts, wie es sein
soll. Zum Beispiel schwimmen die Fische oben am Himmel. Mika begibt sich nun in
diese Stadt auf die Suche nach einem Arzt für seine Oma, was ihm schlussendlich
auch gelingt. Als sie gut versorgt wird, findet er nach und nach Anschluss. So
lernt er den Doktor kennen, den Strippenzieher hinter den Kulissen dieser merkwürdigen
Stadt. Er wird aufgenommen in ein Team Gleichaltriger, er bekommt
Aufmerksamkeit, Wertschätzung, gewinnt Freunde und Bewunderer und möchte diese
Stadt auf gar keinen Fall mehr verlassen. Dies ist der schönste Teil des
Buches, denn diese verrückte Wunderwelt ist genau die richtige für die
Fähigkeiten von Mika. Man kann das Buch kaum aus der Hand legen, wenn der Autor
eine Fantasterei nach der anderen zündet. Der Detailreichtum dieser erdachten
Stadt ist unübertroffen in der Jugendliteratur.
Allerdings wendet sich das Blatt für Mika,
als seine Oma wieder bei Kräften ist und ihm vermittelt, dass alles nur
vorgespiegelt ist, dass der Doktor diese Welt nur vorgaukelt und in Wahrheit
ein schauriger Despot ist. Mika fällt beim Doktor in Ungnade und soll die
Höchststrafe erleiden: Er soll in eine Qualle verwandelt werden. Nur durch den
waghalsigen Einsatz seiner Freunde kann er sich retten und begibt sich mit
seiner Oma auf die Flucht. Dort erlebt er die schrecklichsten Abenteuer und
freundliche Wesen werden auf grausamste Weise von den Schergen des Doktors
getötet. Diese Grausamkeit in einem Jugendbuch ist schwer zu ertragen. Wenn
detailliert dargestellt wird, wie harmlosen Helfern aus Mordlust Augen
ausgestochen werden, gruselige Hühnerbeine Mikas Oma in ein Schlammloch zerren
oder Mika in eine Maschine gesteckt wird, die ihn in eine Qualle verwandelt,
ist eine Grenze überschritten. Dieses Buch verursacht Albträume. Zumal Mika
mehrmals in dem Buch vor der Situation steht, entscheiden zu müssen, ob er sein
Leben retten und dafür das Opfer seiner Freunde oder Oma annehmen will. Eine
Entscheidung, die man zu treffen niemandem wünscht und die abgrundtief traurig
ist.
Diese Grausamkeit in einigen Szenen wäre
überhaupt nicht nötig gewesen und schadet dem Buch: Jungen Lesern die
existentiellen Fragen näher zu bringen, nach dem Sterben, dem Tod, dem „Was
kommt danach“, was ist wichtig im Leben und wie stellt man sich seine Zukunft
vor, das ist ein wertvolles Ansinnen und in der Grundkonstruktion des Buches
sehr spannend angelegt. Die Dialoge sind großartig und treffen den Nerv vieler
Jugendlicher. Als Beispiel: „Kunst kommt nicht vom Können. Sondern vom
Trotzdem. Dass man es trotzdem macht. Trotz all der Selbstzweifel, der
mangelnden Übung, der befürchteten Ideenlosigkeit, dem vermeintlichen
Unvermögen. Trotz allem setzt man sich hin und macht was. Das ist Kunst.“
(S.125) oder: „Was dir noch fehlt, ist Vertrauen. Vertrauen in dich. Vertrauen
in deine eigene Stärke. Denn es hilft nichts, wenn es nur andere sehen. Du
musst es selbst sehen.“ (S.185) Das möchte man jedem unsicheren Teenager
zurufen. Doch durch die grausamen Szenen wird der Nachhall dieser Gedanken
überdeckt.
Natürlich geht das Buch gut aus, in einem
letzten Kampf gegen den Doktor gewinnt Mika und wacht schlussendlich in seinem
alten, normalen Leben wieder auf. Auch seine Oma rettet sich irgendwie – wie,
wird nicht erklärt. Der Cliffhanger im Epilog lässt einen zweiten Band
erwarten, den aber nur Hartgesottene lesen sollten. Für alle anderen reicht der
fantasiereiche, spannende und wunderbare Mittelteil nicht aus, um über die
grausigen Elemente hinwegzuhelfen.
Verlagsangaben zum Buch:
- Erscheinungstag: 22.07.2025
- Seitenanzahl: 352
- Altersempfehlung: Ab 12 Jahre
- ISBN/Artikelnummer: 978-3-446-28332-9
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