Dienstag, 29. Juli 2025

Flix, Immerland – Die Stadt der Ewigkeit

Flix, Immerland – Die Stadt der Ewigkeit, Hanser Verlag

Von Dr. Verena Krenberger

Sehr verträumt, sehr spielerisch und sehr bildgewaltig kommt dieses Erstlingswerk von Flix daher. Die Gestaltung des Einbands ist wunderschön und spielt mit kleinen Elementen gekonnt auf die Inhalte der Geschichte an. Detailreich wie der Einband ist auch die vom Autor erdachte Welt. Die kleinen schwarz-weißen Zeichnungen in den Kapiteln präsentieren immer genau das Detail, das dem Leser die Geschichte näherbringt. Doch wunderschön und verspielt ist an dieser Geschichte alles nur vordergründig.

Den Prolog versteht man in seiner Tragweite und Schrecklichkeit erst nachdem man die ganze Geschichte gelesen hat. Doch schon der erste Satz des ersten Kapitels schlägt ein wie eine Bombe: „Als Mika aus dem Zug stieg, ahnte er nicht, dass er heute sterben würde.“ Danach geht es erstmal gemächlich los, wenn der 12 5/6 Jahre alte Teenager Mika vorgestellt wird, der gar keine Lust darauf hat, seine Sommerferien bei seiner Oma zu verbringen. Seine Mutter ist auf mysteriöse Weise verschwunden, sein Vater auf Dienstreise, so muss er aufs Land zu seiner verrückten Oma, die offensichtlich früher Physikerin war, mittlerweile aber eher verschroben ist. Mika ist eher der Typ Antiheld, wird in der Schule gemobbt und hat auch ansonsten wenig hervorstechende Eigenschaften. Er zockt gerne – wie jeder Teenager. Da findet er auf dem Dachboden den Umschlag eines Briefes seiner Mutter und ist außer sich: Es kann nicht anders sein, als dass seine Oma ihm diesen Brief vorenthalten hat! Als dann seine Oma plötzlich eine Art Herzanfall oder ähnliches hat, fällt seine Welt mit einem Mal in sich zusammen. Er zerrt seine bewusstlose Oma in deren alten Geländewagen und fährt mit ihr nachts durch das Gewitter, um sie zu einem Arzt zu bringen. Doch er kommt von der Straße ab und wird über die Klippe geschleudert. Um hier kurz einzuhaken: Schon dies alles ist harter Tobak für die anvisierte Zielgruppe von 10-14-jährigen Lesern. Ein Junge mit offensichtlich traurigem Schicksal muss seine sterbende Oma retten und begibt sich auf ein haarsträubendes Manöver, bei dem er schrecklich scheitert. Keine erquickliche Lektüre.

Dann jedoch wird Mika mit seiner Oma auf wundersame Weise gerettet, indem er von einem Ballon in Form eines Wals abgeholt und zur Stadt gebracht wird. In dieser Stadt ist nichts, wie es sein soll. Zum Beispiel schwimmen die Fische oben am Himmel. Mika begibt sich nun in diese Stadt auf die Suche nach einem Arzt für seine Oma, was ihm schlussendlich auch gelingt. Als sie gut versorgt wird, findet er nach und nach Anschluss. So lernt er den Doktor kennen, den Strippenzieher hinter den Kulissen dieser merkwürdigen Stadt. Er wird aufgenommen in ein Team Gleichaltriger, er bekommt Aufmerksamkeit, Wertschätzung, gewinnt Freunde und Bewunderer und möchte diese Stadt auf gar keinen Fall mehr verlassen. Dies ist der schönste Teil des Buches, denn diese verrückte Wunderwelt ist genau die richtige für die Fähigkeiten von Mika. Man kann das Buch kaum aus der Hand legen, wenn der Autor eine Fantasterei nach der anderen zündet. Der Detailreichtum dieser erdachten Stadt ist unübertroffen in der Jugendliteratur.

Allerdings wendet sich das Blatt für Mika, als seine Oma wieder bei Kräften ist und ihm vermittelt, dass alles nur vorgespiegelt ist, dass der Doktor diese Welt nur vorgaukelt und in Wahrheit ein schauriger Despot ist. Mika fällt beim Doktor in Ungnade und soll die Höchststrafe erleiden: Er soll in eine Qualle verwandelt werden. Nur durch den waghalsigen Einsatz seiner Freunde kann er sich retten und begibt sich mit seiner Oma auf die Flucht. Dort erlebt er die schrecklichsten Abenteuer und freundliche Wesen werden auf grausamste Weise von den Schergen des Doktors getötet. Diese Grausamkeit in einem Jugendbuch ist schwer zu ertragen. Wenn detailliert dargestellt wird, wie harmlosen Helfern aus Mordlust Augen ausgestochen werden, gruselige Hühnerbeine Mikas Oma in ein Schlammloch zerren oder Mika in eine Maschine gesteckt wird, die ihn in eine Qualle verwandelt, ist eine Grenze überschritten. Dieses Buch verursacht Albträume. Zumal Mika mehrmals in dem Buch vor der Situation steht, entscheiden zu müssen, ob er sein Leben retten und dafür das Opfer seiner Freunde oder Oma annehmen will. Eine Entscheidung, die man zu treffen niemandem wünscht und die abgrundtief traurig ist.

Diese Grausamkeit in einigen Szenen wäre überhaupt nicht nötig gewesen und schadet dem Buch: Jungen Lesern die existentiellen Fragen näher zu bringen, nach dem Sterben, dem Tod, dem „Was kommt danach“, was ist wichtig im Leben und wie stellt man sich seine Zukunft vor, das ist ein wertvolles Ansinnen und in der Grundkonstruktion des Buches sehr spannend angelegt. Die Dialoge sind großartig und treffen den Nerv vieler Jugendlicher. Als Beispiel: „Kunst kommt nicht vom Können. Sondern vom Trotzdem. Dass man es trotzdem macht. Trotz all der Selbstzweifel, der mangelnden Übung, der befürchteten Ideenlosigkeit, dem vermeintlichen Unvermögen. Trotz allem setzt man sich hin und macht was. Das ist Kunst.“ (S.125) oder: „Was dir noch fehlt, ist Vertrauen. Vertrauen in dich. Vertrauen in deine eigene Stärke. Denn es hilft nichts, wenn es nur andere sehen. Du musst es selbst sehen.“ (S.185) Das möchte man jedem unsicheren Teenager zurufen. Doch durch die grausamen Szenen wird der Nachhall dieser Gedanken überdeckt.

Natürlich geht das Buch gut aus, in einem letzten Kampf gegen den Doktor gewinnt Mika und wacht schlussendlich in seinem alten, normalen Leben wieder auf. Auch seine Oma rettet sich irgendwie – wie, wird nicht erklärt. Der Cliffhanger im Epilog lässt einen zweiten Band erwarten, den aber nur Hartgesottene lesen sollten. Für alle anderen reicht der fantasiereiche, spannende und wunderbare Mittelteil nicht aus, um über die grausigen Elemente hinwegzuhelfen.

 

Verlagsangaben zum Buch:

  • Erscheinungstag: 22.07.2025
  • Seitenanzahl: 352
  • Altersempfehlung: Ab 12 Jahre
  • ISBN/Artikelnummer: 978-3-446-28332-9

Link zum Buch:

https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/flix-immerland-die-stadt-der-ewigkeit-9783446283329-t-5661

Freitag, 18. Juli 2025

Oliver Maria Schmitt, KomaSee

Oliver Maria Schmitt, KomaSee, Rowohlt Verlag

Es ist immer ein bisschen gefährlich, wenn Bücher als besonders lustig beworben und mit zahlreichen Vorablobhudeleien aus Feuilletonformaten unterlegt werden. Denn trotz einiger Lacher, sprachlich aufblitzender Kunstfertigkeit und einem phasenweise durch gezielte Übertreibung und Überfrachtung amüsanten Plot zieht sich die Geschichte um Elena Barone nutzlos in die Länge und man ist nach über 300 Seiten doch froh, dass das Ganze endlich zum Schlusspunkt gekommen ist.

Die genannte Elena ist eine preisgekrönte Fotografin, die am Comer See das ultimative Paparrazo-Foto anstrebt: ein Bild des Villenanrainers George Clooney, am besten, wie die Gerüchteküche kolportiert, mit neuer Geliebter. Doch weder von der stickigen Dachwohnung noch vom gemieteten Boot aus kann Elena ihres Ziels habhaft werden: George zeigt sich einfach nicht und bleibt ein Mythos. Auch ansonsten geht für Elena vieles bergab: ihr Liebes- und Beziehungsleben schwankt zwischen ungeordnet und nicht existent, ihre Verdienstmöglichkeiten schrumpfen mit der Instagram- und KI-Konkurrenz, sodass auch ihre berufliche Existenz auf der Kippe steht. Zu allem Überfluss kündigt sich auch noch ihre Mutter mit zum Roman passenden Nervpotential an, sodass die Kalamitäten kulminiert werden.

Die Beschreibungen des Sees, der umliegenden Gemeinden, ihrer Historie und Grandezza, des Verkehrschaos und der Schrullen der lokalen Bewohner nehmen beinahe ebensoviel Raum ein wie die eigentliche Geschichte und das macht den Lektürefortschritt ein wenig zäh. Die kleinen humoristischen Leuchtfeuer, an denen vor allem der Sidekick Faustino beteiligt ist, kämpfen daher unnötig um Aufmerksamkeit. Sehr amüsant ist vor allem der Privatauftrag für Elena, eine Delegation der (offensichtlich erkennbar umschriebenen) CDU um Friedrich Merz fotografisch bei ihrer Zusammenkunft im früher von Adenauer bewohnten Prachtbau oberhalb des Comer Sees fotografisch festzuhalten – was natürlich grandios scheitern muss. Sehr schade ist, dass Nebenarme der Erzählung wie das Schicksal von Elenas Vater oder das angespannte Mutter-Tochter-Verhältnis nur so karg angesprochen bzw. ausgeleuchtet werden. Der Roman sucht bewusst das Seichte und Zwanghumoristische, hätte aber Potential für eine spannendere Story mit interessanten Hintergründen gehabt. Nicht einmal die Verballhornung des Sees im Buchtitel ist dabei eine präsente Größe, sondern kommt nur an einer Stelle zum Tragen, auch das ist bedauerlich.

Wie dem auch sei: man ist trotz des Umfangs recht rasch mit dem Buch durch, hat dabei einige Lacher, manche Schmunzler, aber auch viele Augenroller und manche Querleseseiten vor sich. Der Wendepunkt für Elena wirkt sehr gewollt, dessen Ausarbeitung erfolgt kaum, sondern bleibt ein plakatives Ereignis en passant, aber man kann sich zum Schluss immerhin an einem eigentümlichen Happy End erfreuen.

 

Verlagsangaben zum Buch:

  • Erscheinungstag: 13.05.2025
  • Seitenanzahl: 320
  • ISBN/Artikelnummer: 978-3-95939-223-5

Link zum Buch:

https://www.rowohlt.de/buch/oliver-maria-schmitt-komasee-9783737102070

Dienstag, 15. Juli 2025

Andreas Schlüter (Autor) / Raimund Frey (Illustrator), Mission Superhelden (Band 1) – Die Letzten beißen die Wolfsdrachen

Andreas Schlüter (Autor) / Raimund Frey (Illustrator), Mission Superhelden (Band 1) – Die Letzten beißen die Wolfsdrachen, Karibu Verlag

Von Dr. Verena Krenberger

Der Auftakt einer neuen Buchreihe richtet sich an noch etwas ungeübte Selbstleser und dies gelingt dem Autor routiniert. In diesem ersten Band treffen vier Kinder aufeinander, die erstaunliche Fähigkeiten haben. Yero zum Beispiel ist zwar etwas ängstlich, hat aber die äußerst nützliche Fähigkeit, sich mittels Gedankenkraft an jeden beliebigen Ort „ploppen“ zu können. Es wird mehrfach betont, dass Yero diese Fähigkeit geheim halten muss, von seinen Eltern abgesehen, und so nutzt er sie nur, wenn er sich unbeobachtet fühlt. Als er nun in eine neue Schule kommt, trifft er auf Chai, Herman und Amanda und stellt schnell fest, dass auch sie erstaunliche Fähigkeiten besitzen. Bei einem Gartenprojekt der Schule wird die Schule plötzlich von unerklärlichen Blitzen getroffen und stellenweise in Brand gesetzt. Zeitgleich wird die Bank der Stadt ebenfalls von Blitzen getroffen und von Bankräubern ausgeraubt. Die vier neuen Freunde sehen einen Zusammenhang und wollen den Blitzen und dem Raub auf den Grund gehen. Da sie jeder für sich nur ein bisschen Superheld sind, sich nun aber auf diese detektivische Mission begeben, geben sie ihrem Team den Namen „Mission Superhelden“. Unter Einsatz ihrer jeweils speziellen Fähigkeiten trägt jedes Mitglied zum Gelingen der Mission bei. Schon auf dem Cover des Buches zeigt sich zudem, dass die Mädchen im Bunde noch weitere, antrainierte Fähigkeiten haben – die Unterscheidung gelingt im Buch sehr schön. Man mag einerseits ein angeborenes Talent haben, wie sich von einem Ort zum anderen ploppen zu können, aber man kann andererseits ein Talent auch entwickeln und durch Lernen und harte Arbeit Meister werden. Eine gute Botschaft für all jene kleinen Leser, die den Superhelden gerne nacheifern würden, aber leider bisher keine geheime Superkraft an sich entdeckt haben. Schlussendlich gelingt es dem Team, den Bankraub aufzudecken und das geraubte Geld an die Bank zurückzugeben. Wer sich allerdings hinter den geheimnisvollen Blitzen versteckt, bleibt zum größten Teil im Dunkeln und ist ein guter Cliffhanger zum nächsten Band.

Die Sprache und vor allem die comichaften, ausdruckstarken Illustrationen sind hervorragend für Erstleser geeignet. Flüssig geschrieben und in großer Schrift, mit kurzen Kapiteln und schnellem Tempo in der Entwicklung der Geschichte, zieht die Geschichte junge Leser schnell in ihren Bann. Das Team der Superhelden ist erfreulich (und etwas bemüht) divers: zwei Mädchen, zwei Jungs, davon ein asiatisches Mädchen und ein afroamerikanischer Junge, einer dick, einer dünn, einer groß, einer klein, einer ängstlich, einer mutig. So findet jeder Leser eine Identifikationsfigur. Kleine Fehler werden daher allerdings direkt von den jungen Lesern entdeckt (S. 129: „Hatte er jetzt plötzlich ein Gehör wie Amanda?“, dabei ist es Chai mit dem Super-Gehör). Etwas unpassend für Erstleser ist auch der Vergleich von Yeros Fähigkeiten des Ploppens mit dem Beamen bei „Star Trek“, was der Zielgruppe absolut kein Begriff ist. Schön wäre es auch gewesen, wenn der pädagogische Auftrag an der ein oder anderen Stelle noch etwas ausgiebiger erfüllt worden wäre – wenn z.B. auf S. 12 erklärt wird, wie Blitze entstehen und hier nicht nur „irgendwelche elektrische Ladungen in der Luft“ erwähnt worden wären, sondern ein oder zwei Sätze mehr mit wissenschaftlichem Inhalt.

Von diesen kleinen Kritikpunkten abgesehen ist der erste Band der Mission Superhelden eine gekonnte Einleitung zu einer sicher erfolgreichen Reihe. Junge Leser, deren Lesetempo noch nicht so schnell ist, werden bei dieser rasanten Geschichte sicher nicht gelangweilt. Das Buch enthält die richtige Mischung aus einer Prise Magie, etwas Grusel, Situationskomik, Spannung und Action zwischen Schulalltag und Eltern, denen Bescheid gesagt werden muss, dass man von seinem Abenteuer um 18 Uhr wieder zuhause ist. Und Freunde, die sich so gut unterstützen und beschützen wie die der Mission Superhelden, wünscht sich sowieso jeder.

 

Verlagsangaben zum Buch:

  • Erscheinungstag: 02.07.2025
  • Seitenanzahl: 144
  • Altersempfehlung: Ab 8 Jahre
  • ISBN/Artikelnummer: 9783961295197

Link zum Buch:

https://karibubuecher.de/book/mission-superhelden-band-1-die-letzten-beien-die-wolfsdrachen-hardcover-9783961295197/


Julia Engelmann, Himmel ohne Ende

Julia Engelmann, Himmel ohne Ende, Diogenes Verlag

Von Dr. Verena Krenberger

Charlotte, die von allen Charlie genannt wird, ist fünfzehn Jahre alt und oberflächlich betrachtet würde man urteilen, dass sie in einer typischen Teenager-Depression feststeckt. Alles ist grau, alles ist blöd, vor allem die Schule und die Mutter. Sie ist einsilbig bis abweisend, lässt niemanden an sich heran, findet sich hässlich und dumm und wäre gerne ganz anders, im Mittelpunkt und beliebt. Wer kennt es nicht und lächelt darüber. Der Weltschmerz wird schon vergehen.

Julia Engelmann gelingt es, sich ihrer Hauptfigur mit viel Verständnis und Zuneigung zu nähern. Sie nimmt den Leser mit auf eine Reise in Charlies Psyche, in ihre Empfindungen, Ängste und Wünsche. Das recht durchschnittliche Leben, das Charlie führt, ist stellvertreterhaft tausendfach zu finden: Sie lebt mit ihrer alleinerziehenden Mutter in kleinen Verhältnissen, ist mittelmäßig bis schlecht in der Schule und generell in allem. Sie trägt schwer daran, dass der Vater die Familie verlassen hat und dass ihre Freundschaft zu ihrer besten Freundin abkühlt, weil diese die ständige Trauer und Charlies Fragen nach dem Sinn des Lebens nicht nachvollziehen kann. Charlie distanziert sich immer mehr von allen, zieht sich zurück und die große Leistung der Autorin besteht darin, diese Sprachlosigkeit verständlich zu machen, Charlies Gedanken und Gefühle zu offenbaren, so dass der Leser verstehen kann, dass eine Antwort manchmal nicht gefunden werden kann. Das oberflächlich betrachtet desinteressierte Teenager-Verhalten wird verständlich als tief in der eigenen Gedankenwelt versunken und verloren. Charlies Leben ändert sich von Grund auf, als der sonnige Kornelius in ihr Leben tritt, der von allen nur Pommes genannt wird. Erst erscheint er als der strahlende Retter und ist der erste gute Freund für Charlie. Jedoch zeigt sich nach einer Weile, welch schweres Schicksal er mit sich herumträgt. Charlie schlüpft in die Rolle der Retterin und rettet damit sich selbst. Das vielschichtige Gefühlschaos, das Charlie durchlebt, wenn sie von Pommes aus ihrer Komfortzone gelockt wird, ist so treffsicher und nachvollziehbar dargestellt und in unverwechselbare Worte gekleidet, wie es nur die Poetin Engelmann kann. Charlie muss mehrere Schicksalsschläge einstecken, schafft das dank Pommes und dank neuer Menschen in ihrer Umgebung, denen sie sich Stück für Stück öffnet. Wie Charlies Welt von grau zu bunt wechselt, ist eine erhebende Lektüre, die glücklich macht.

Ein wichtiges Element der Geschichte sind Geheimnisse. Wer weiß was wann von wem und wer behält es dann für sich – oder auch nicht. Ein großer, vielfältiger und in mehrere Richtungen wirkender Vertrauensbruch zwischen Charlie, ihrer ehemals besten Freundin und Pommes, ist so realitätsnah wiedergegeben, dass es dem Leser die Schamesröte ins Gesicht treibt, als Charlie bloßgestellt wird. Die Autorin lässt ihre Hauptfigur realitätsnah vielschichtig sein – niemand ist nur gut oder nur böse – jeder macht Fehler und verletzt andere oder wird verletzt. Aufzuzeigen, wie man danach wieder aufeinander zugehen kann, Worte findet und nicht nur schweigt, ist eine Glanzleistung des Buches.

Zu guter Letzt freut man sich als Leser über den Schluss des Buches: Natürlich ist Charlies Geschichte nicht zu Ende, aber ein Meilenstein ist geschafft, das Graue und Dunkle hat Charlie aus eigener Kraft bunt angemalt. Sie findet einen Weg, mit sich im Reinen zu sein, sie findet eine Aufgabe und den Sinn ihres Lebens, zumindest den, der zu ihrem 16. Lebensjahr passt. Auch Pommes wird noch ein Stück begleitet, er schwimmt sich frei von seinem harten Schicksal und geht seinen eigenen Weg. Dass dieser Weg nicht zu einem geradlinigen Lebenslauf passen muss, ist ebenso eine wichtige Botschaft des Buches: Manchmal sind Umwege nötig, um die Seele zu kurieren und danach gestärkt dem eigenen Lebensziel entgegenzugehen oder es überhaupt zu finden.

Die schönste Figur in diesem Buch ist Charlies Großmutter, die mit wenigen, aber treffsicheren Worten und mit viel Wärme, ehrlicher Zugewandtheit und Liebe für Charlie ein Anker ist. Die immer den ersten Schritt auf ihre Enkelin zugeht, auch, als Charlie nur einsilbig, grau und abweisend ist. Nach der Lektüre des Buches wünscht man sich, ein bisschen wie Charlies Großmutter durchs Leben zu gehen und denen, die man liebt, das Gefühl zu geben, dass sie für einen das Bunteste und Strahlendste der Welt sind, auch wenn sie selbst dies noch nicht sehen können.

Ein wunderbares Buch mit viel Tiefgang, Wärme, Verständnis für die schwachen Momente und Optimismus.

 

Verlagsangaben zum Buch:

  • Erscheinungstag: 23.07.2025
  • Seitenanzahl: 336
  • ISBN/Artikelnummer: 978-3-257-07323-2

Link zum Buch:

https://www.diogenes.ch/leser/titel/julia-engelmann/himmel-ohne-ende-9783257073232.html

René Freund, Wilde Jagd

René Freund, Wilde Jagd, Zsolnay Verlag

Von Dr. Verena Krenberger

Der Ich-Erzähler Professor Doktor Quintus Erlach ist sich selbst abhandengekommen. Er steckt tief in einer Midlife-Crisis eines äußerlich sehr erfolgreichen Lebens. Aus einem Kuhdorf in den Alpen stammend, hat er sich als Einziger seiner Generation – oder sogar seines gesamten Dorfes – zu akademischen Weihen aufgeschwungen und Karriere an der Philosophischen Fakultät gemacht. Ein vergeistigter Kopfmensch, der nun plötzlich auf sich zurückgeworfen wird. Daran ist er natürlich selbst schuld, hat er doch seine Frau mit einer jüngeren Kollegin betrogen, woraufhin diese – ebenfalls Professorin – allein auf Forschungsreise ans andere Ende der Welt aufgebrochen ist. Seine Tochter schneidet ihn, hat ihn aber als Hundesitter während ihres Auslandssemesters erkoren. Nun sitzt Quintus in seinem verlassenen, baufälligen Elternhaus in seinem Heimatdorf, dem er die vergangenen Jahre tunlichst den Rücken gekehrt hatte, und tut sich leid. Er schaut viel zu oft viel zu tief ins Glas und jammert über sein Leben. All diesen Hintergrund erfährt man peu à peu, denn der Roman nimmt von Seite 1 an direkt Fahrt auf, als Quintus mit dem Hund seiner Tochter spazieren geht und auf einer Lichtung eine seltsam entrückte Frau kennenlernt, die offensichtlich mit Geistern spricht oder sonst irgendwie irre ist. Evelina tritt mit Macht in sein Leben und zieht Quintus gegen dessen Willen aber doch freiwillig durch starke Neugier getrieben in einen vermeintlichen Kriminalfall hinein. Denn Evelina ist auf der Suche nach ihrer Vorgängerin im Hause des reichen Herrn Zillner, dessen Betreuerin sie ist. Angelika, ihre Vorgängerin, ist spurlos verschwunden und niemand vermisst sie außer Evelina. Quintus hilft bereitwillig, aber völlig lebensfremd und naiv bei den Ermittlungen. Dabei spielt Evelina gekonnt auf einer übersinnlichen Ebene, die Quintus, den akademisch gebildeten Metaphysiker und bekennenden Nicht-Esoteriker, seltsamerweise stark anzieht. Allerlei Dorfbewohner werden verdächtigt und Quintus stellt ihnen in witzigen Situationen absolut ungeschickt und ohne jegliche kriminalistische Begabung nach, was zu den lustigsten Stellen im Buch gehört. Die Charaktere sind plastisch geschildert und Quintus‘ gedankliche Psychogramme der auftretenden Figuren zeigen seinen professoral messerscharfen Verstand, der doch viel Menschenkenntnis birgt. Schlussendlich löst sich der Fall tatsächlich auf, das Schicksal von Angelika wird aufgedeckt und es bleiben keine Fragen offen – Happy End.

Letzteres ist es, was diesen Roman zu einer netten Sommerlektüre macht, den man jedoch nicht zu ernst nehmen sollte. Ein bisschen Dorfidyll, ein bisschen Klatsch und Tratsch, ein bisschen Krimi, ein bisschen intellektuelle Einschübe (wenn Quintus einen kleinen Absatz über irgendeinen Philosophen fabulieren darf), ein bisschen Familiendrama, ein bisschen angedeutete sexuelle Phantasien, ein bisschen Nazi-Zeit und Geschichtsklitterung. Würde man das Buch ernst nehmen, dann würde man sich über diesen selbstgefälligen, versoffenen, weißen, alten Mann ärgern, der seine Frau betrügt, danach herumstümpert, nichts Praktisches auf die Reihe kriegt, vor Selbstmitleid trieft und am Ende aber in purer Harmonie mit seiner zurückgekehrten, um ihn besorgten Ehefrau auf der Veranda Kaffee trinken darf, den braven Hund zu Füßen, die liebende Tochter am Telefon und die Handwerker auf dem Dach, die das baufällige Haus sanieren. Ihm wird natürlich alles verziehen, keiner ist ihm böse, er bekommt keinen Ärger – so ist er halt, der Quintus. Aber er ist doch so ein Netter, wenngleich ein liebenswert naiver Narr.

Das Buch schafft es aber, dass man diese realistische Einschätzung der Hauptfigur als kurzen kritischen Anflug vorbeiziehen lässt und stattdessen mit ihm und Evelina mitfiebert, wenn sie dem nächsten Hinweis nachgehen. Man möchte ihm einen warmen Tee kochen, damit er sich erholen kann, man möchte ihn trösten und in den Arm nehmen. Gut und böse ist in diesem Buch genau eingeteilt, grau existiert nicht, und das ist beruhigend für einen leichten Roman, den man süffig und in einem Rutsch lesen kann und möchte.

 

Verlagsangaben zum Buch:

  • Erscheinungstag: 24.07.2023
  • Seitenanzahl: 288
  • ISBN/Artikelnummer: 978-3-552-07367-8

Link zum Buch:

https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/rene-freund-wilde-jagd-9783552073678-t-5143