Samstag, 30. Juli 2022

Raquel Martín, Die ganze Welt erklärt in Karten

Raquel Martín, Die ganze Welt erklärt in Karten, Coppenrath Verlag

Mit diesem Buch legt der Verlag Coppenrath ein kleines Meisterwerk vor: In einer Mischung aus Kinderlexikon und Wimmelbild wird neugierigen kleinen Entdeckern die Weltkarte unter immer neuen, für Kinder höchst spannenden Themen untergliedert und bildlich begreifbar gemacht. Es gibt Karten zu Tierwanderungen, Essen und Trinken, berühmten Bauwerken, Schrift und Sprache, Naturwunder, traditioneller Kleidung, Bergen und Vulkanen und vielem mehr. Im Zentrum steht immer eine Weltkarte, auf der symbolhafte kleine Abbilder beispielhaft an der Stelle verortet werden, wo sie auf der Welt zu finden sind. Teilweise sind die Ländernamen dazu geschrieben, so dass ganz spielerisch und nebenbei auch eine geografische Vorbildung erworben wird. Daneben gibt es um das zentrale Mittelbild herum noch kleine Erläuterungstexte zu den einzelnen Abbildern, aus denen Detailwissen geschöpft werden kann. Hier ist der einzige kleine Kritikpunkt anzusetzen, dass (wahrscheinlich aus Platzmangel) nicht immer jedes Abbild einen Erläuterungstext erhalten hat, was man sich beim Vertiefen in das Buch allerdings gewünscht hätte. Dies ist aber Jammern auf höchstem Niveau und eher Ausdruck dafür, dass man sich gerne Stunden mit diesem Buch beschäftigen möchte.

Die Karten laden zum gemeinsamen Vorlesen mit den Eltern ein, die gefordert werden, noch ein wenig mehr außen herum zu erklären. Zum Beispiel, warum manche Tierarten vom Aussterben bedroht sind oder wie die gezeigten Speisen wohl schmecken. Einige Karten können sicher schon mit den kleinsten Kindern betrachtet werden, insbesondere jene mit Tieren oder Essen. Hier wird das Buch eher in seiner Eigenschaft als Wimmelbuch nützlich. Mit älteren Kindern kann das Buch gemeinsam gelesen werden und auch Kinder im späten Grundschulalter können aus diesem Buch noch Interessantes beim Eigenstudium herausholen – beispielsweise das Morse-Alphabet oder die Brailleschrift für einen Geheimcode erlernen oder die Iglu-Bauanleitung ausprobieren.

Das Buch zeigt die Welt farbenfroh, bunt und vielfältig und in ihren unterschiedlichen Facetten. Kinder können so, ohne erhobenen Zeigefinger, ihre eigene Lebenswirklichkeit mit vielen anderen auf der Erde in Vergleich bringen und feststellen, dass es nicht überall so sein muss, wie im heimischen Wohnzimmer. Dabei werden natürlich manche düsteren Aspekte der Welt wie Armut, Hunger, Klimaprobleme, etc. ausgeblendet – für ein Kinderbuch, das die Neugier auf die Welt wecken und befriedigen soll, ist dies aber der richtige Ansatz. Historische, geografische und biologische Unterschiede zu kennen, ist schon ein Wissensgewinn, der für jüngere Kinder Räume eröffnet, die für ein offenes und unbefangenes Herantreten an die Welt ausreichend ist.

Sehr spannend ist die letzte Karte „Verkehrte Welt“, bei der alle Bilder durcheinandergeraten sind. Ältere Kinder können sich hier darin messen, die Menschen, Gebäude, Tiere und Pflanzen den richtigen Orten zuzuordnen. Eine nette Art der Wissensüberprüfung, bei der sicher die Kinder beim Wettstreit mit den Eltern die Nase vorn haben werden!

Insgesamt bietet dieses Buch eine künstlerisch ansprechende Form der Wissensvermittlung, die nicht aufdringlich daherkommt und einen anderen Ansatz bietet, als die üblichen Erklärbücher mit Klappen oder rein lexikalischem Text.

 

Verlagsangaben zum Buch:

  • Erscheinungstag: 04.10.2022
  • Seitenanzahl: 48
  • Altersempfehlung: Ab 8 Jahre
  • ISBN/Artikelnummer: 978-3649644095

Samstag, 23. Juli 2022

Heinz Janisch / Ana Sender, Das goldene Zeitalter - Die Metamorphosen des Ovid

Heinz Janisch / Ana Sender, Das goldene Zeitalter - Die Metamorphosen des Ovid, NordSüd Verlag

Es ist heutzutage nicht mehr selbstverständlich, dass sich Gymnasiasten mit den Metamorphosen des Ovid überhaupt befassen. Die lateinische Sprache ist auf dem Rückzug, die modernen Sprachen laufen ihr den Rang ab. Den Genuss, die Verse im Original gelesen und übersetzt zu haben, dürfte eher die Elterngeneration noch erlebt haben - jedenfalls diejenigen, die Spaß an Sprache und Metrik der alten Römer hatten.

Nun ist im NordSüd-Verlag ein Kinderbuch erschienen, das ausgewählte Geschichten (insgesamt sind es über 250, die Ovid verfasst hat) zusammenträgt und nacherzählt. Dass man antike Texte nicht zwingend im Original lesen muss, um sich an ihnen (noch einmal oder erstmals) zu erfreuen, zeigen auch andere Werke (z.B. Politeia - Ein Abenteuer mit Platon, 1. Auflage, Mohr Siebeck 2013). Jedoch wird hier der Spagat versucht, die nicht unbedingt für Kinder geschriebenen Geschichten von Ovid für Kinder nachzuerzählen. Meiner Ansicht nach geht das schief, dazu weiter unten im Fazit.

Zunächst zum Inhalt: insgesamt siebzehn Geschichten sind ausgewählt worden. Darunter bspw. die vier Zeitalter (aurea prima sata est aetas, der berühmte Versanfang), die Geschichte der Arachne, das Labyrinth des Minotaurus, Orpheus und Eurydike oder Daedalus und Ikarus. Hinzu kommen Geschichten zu Jupiter und Europa, zu Narziss und Echo oder auch die wunderschöne Miniatur von Philemon und Baucis. Alle Geschichten sind kurze, in sich abgeschlossene kleine Kunstwerke, die auch in der Nacherzählung nichts von ihrer sprachlichen Anmut und ihrem inhaltlichen Zauber verloren haben. Am Ende gibt es ein Schlusswort des Autors, kurze biographische Informationen zu Ovid sowie ein Namensglossar. Man erinnert sich bei der Lektüre gern an die Ursprungstexte, gleicht während der Lektüre sein eigenes Wissen um die handelnden Charaktere und die um diese gestrickten Legenden ab und möchte eigentlich noch mehr davon lesen.

Aber: dieses Gefühl stellt sich (nur) als Erwachsener ein, der zu den altphilologischen Themen einen Bezug hatte und/oder hat. Die Attraktivität des Buches für Kinder ist hingegen eher beschränkt. Denn die in den Geschichten handelnden Figuren gehören keineswegs zum Standard-Erzählkanon im Vorschul- oder Grundschulalter, sodass sich kein Wiedererkennungseffekt einstellen kann. Von griechischen und römischen Göttern, von Sagengestalten und Nymphen, vom Ursprung eigentlich allgemeinsprachlicher Figuren wie Narziss oder Pan, hört man insbesondere im Grundschulunterricht so gut wie nichts und auch in der Gymnasialzeit dürfte die Befassung mit den Themen der Metamorphosen von überschaubarem Umfang sein. Die Geschichten sind auch nicht so zeitgerecht neu nacherzählt, dass man sie unabhängig vom Konnex zu Ovid und seinem typischen Stil als abstrakte Lektüre für Kinder neu einführen könnte, etwa als Fabel oder Märchen.

Das Fazit lautet also leider: das ist kein überzeugendes Kinderbuch.

Für Kinder ab 6 Jahren, für die das Werk konzipiert sein soll, sind die Themen und Namen sowie das darin liegende Transferwissen zu schwer zu fassen. Als standalone-Geschichten sind die Texte auch nur vereinzelt geeignet. Die Angemessenheit der Illustrationen für Grundschulkinder halte ich auch nur bedingt für gegeben.

Für ältere Kinder hingegen ist die Aufmachung zu simpel, inklusive der Illustrationen. Denn für Schüler, die sich schon mit der lateinischen Sprache befassen, hätte es gerne zu den Geschichten mehr Informationen, mehr Einführung, mehr Auslegung, vielleicht auch Originalzitate geben können.

Als Erwachsener liest man das Buch, unter den eingangs genannten Voraussetzungen, hingegen gerne. Doch das war ja erkennbar nicht das Ziel des Buches.

 

Verlagsangaben zum Buch:

  • Erscheinungstag: 17.08.2022
  • Seitenanzahl: 96
  • Altersempfehlung: Ab 6 Jahre
  • ISBN/Artikelnummer: 978-3-314-10614-9

Link zum Buch:

https://nord-sued.com/programm/das-goldene-zeitalter/

Mittwoch, 20. Juli 2022

Walko, Der wilde Räuber Donnerpups – verpupst und zugeschneit (Band 6)

Walko, Der wilde Räuber Donnerpups – verpupst und zugeschneit (Band 6), CoppenrathVerlag

Von Dr. Verena Krenberger

Nachdem Band 5 der Donnerpups-Sage noch „Verhext und zugenäht“ hieß, darf die Hexe Simsibim diesmal wieder auftreten und zwar im ersten Winterbuch für die wilde Räuberbande: „verpupst und zugeschneit“. Dieser Band ist in meinen Augen ein klares Zeichen in Richtung „Normalisierung“ der Geschichten. Denn es geht diesmal so gar nicht um wilde und wagemutige Erlebnisse und Attitüden des Räuberhauptmanns und seines bunt gemischten Haufens, sondern es ist eine Geschichte mit klaren Meta-Themen, kindgerechten Problemen und Lösungsansätzen und einem netten Ende. Das hätte so also theoretisch jeder beliebigen Gruppierung widerfahren können. Das ist beileibe nichts Schlechtes, aber wenn man von jedem Donnerpups-Band krawallige und kuriose Räuberplots erwartet, könnte diese Story vielleicht ein wenig zu sanft sein. Immerhin ist es keine Pseudo-Räuber-Weihnachtsgeschichte, sondern das Buch nimmt einfach nur den Winter als Thema auf.

Worum geht es konkret? Die Räuberbande bestehend aus Donnerpups und weiteren fünf Mitgliedern erwacht morgens in schönster Schneelandschaft und liefert sich erst einmal eine zünftige Schneeballschlacht. Bald haben sie Hunger auf ein ordentliches Frühstück und erhoffen sich Plätzchen bei der Hexe Simsibim. Die ist jedoch gar nicht zuhause und den inzwischen reichlich unleserlichen Zettel an ihrer Tür vermögen sie nicht recht zu entziffern, nur irgendetwas mit „Donner“ ist zu lesen. Also schlussfolgern sie, dass die Hexe Kräuter sammeln gegangen ist und nun verständlicherweise im Tiefschnee in Not geraten sein muss, sodass die wilden Räuber zu viert auf eine Rettungsmission aufbrechen – nur Muliboy und Robin werden ins Lager zurückgeschickt. Es kommt, wie es kommen muss: die Räuber verlaufen sich im Schnee und finden die alte Jagdhütte zuerst nicht, sondern der Zufall führt sie letzten Endes dorthin – was Donnerpups so aber nie zugeben würde. In der Hütte wartet allerdings nicht die Hexe, sondern eine ungute Überraschung, derer sich die vier Räuber nur durch die Spezialkompetenz ihres Anführers entledigen können. Das löst aber leider zugleich eine Lawine aus, vor der sie sich zwar in die nun leere Hütte retten können, aber dort sitzen sie erst einmal fest.

Unterdessen kommt die Hexe im Lager vorbei, sodass Robin und Muliboy merken, dass die Rettungsaktion wohl schiefgegangen sein muss. Sie machen sich mit der Hexe auf zur Rettung der Retter und – siehe da – die Hexe kann doch ein bisschen zaubern und schafft es, die Hütte ein wenig von Schnee und Eis zu befreien. Nach einer verschnarchten Nacht ist am nächsten Morgen das Hallo groß und nach ein wenig Geplänkel ist die Rückkehr ins Lager noch eine besonders schöne und rasante Angelegenheit, wo am Lagerfeuer darüber räsoniert wird, wie gut es doch ist, Freunde zu haben, die das Herz am rechten Fleck tragen.

Dass in den wilden Räubern so manch guter Charakterzug steckt, haben schon die vorherigen Bände gezeigt. Dass dies aber auch so ganz ohne Räubereien auskommt, macht das Buch und die Charaktere vielseitiger. Denn für Kinder sind solche Abenteuer, in denen man seinen Freunden aus der Patsche hilft und auch mal eigene Fehler eingestehen darf, wichtige Lektüre. Auch dank der wie immer liebenswerten Illustrationen ist dieser neue Band eine echte Empfehlung zum Vorlesen und Selbstlesen für Vorschulkinder und die ersten Grundschuljahre.

 

Verlagsangaben zum Buch:

  • Erscheinungstag: 15.08.2022
  • Seitenanzahl: 40
  • Altersempfehlung: Ab 3 Jahre
  • ISBN/Artikelnummer: 978-3649640172

Montag, 11. Juli 2022

Rafik Schami, Elisa oder Die Nacht der Wünsche

Rafik Schami, Elisa oder die Nacht der Wünsche, Hanser Verlag

Es ist nicht unüblich, dass klassische Geschichten in ein modernes Gewand gesteckt werden, um im Vergleich zur Ursprungsgeschichte passendere oder modernere Botschaften zu transportieren. Das klappt nur selten, viel öfter geht es schief, so auch hier.

Was passiert in der Geschichte? Sie handelt vom Weihnachtsmann, der alt, dick und desillusioniert zuhause in seinem Sessel schnarcht, von der westlichen Konsumwelt vereinnahmt wurde und seinem ursprünglichen Bestreben, alle Kinder auf der Welt glücklich zu machen, nicht mehr nachkommt. Dies geschieht zum Erstaunen und zum Unmut seiner Frau Elisa, die diesen Verfall über die Jahre beobachtet hat und deren Geduld nunmehr am Ende ist. Sie übernimmt seine Aufgabe und beschenkt ein (!) verzweifeltes und trauriges Kind.

So weit, so gut. Oder schlecht, je nach Sichtweise. Beginnen wir beim Titel: Elisa oder die Nacht der Wünsche. Welche konkrete Nacht soll es denn sein? Der Weihnachtsabend? Oder so eine Nacht ganz generell? Wenn es Letzteres wäre, was hätte das dann mit dem Weihnachtsmann zu tun? Und wieso „Wünsche“? Wenn es doch de facto nur um ein Kind geht und nicht etwa darum, den alten fetten unverlässlich gewordenen Coca-Cola-Weihnachtsmann ganz generell zu ersetzen durch eine im Gegensatz zu ihm noch mitfühlende sendungsbewusste Frau?

Dann zum eigentlich Inhalt: es soll sich um ein Buch für Kinder zwischen drei und sechs Jahren handeln. Diese Kinder werden hier konfrontiert mit Gewalt, Diskriminierung, Rassismus, Armut, religiösem Separatismus, Konsumkritik, Kritik der europäisch-westlichen Wertewelt und noch so allerlei anderen Dingen. Und das alles hübsch verpackt in einer vermeintlichen Weihnachtsgeschichte. Man möchte wirklich ein entsetztes „Geht’s noch?“ loswerden. Wieder einmal scheitert ein Buch grandios daran, dass da vermeintlich etwas für Kinder geschrieben wird, das aber unverhohlen auf die vorlesenden Eltern oder welche Zielgruppe auch sonst abzielt.

Es beginnt schon damit, dass ein dunkelhäutiges Kind von anderen verprügelt wird und nun trauernd und sehnsüchtig auf das Schaufenster eines Spielzeugladens starrend auf seine Mutter wartet, die auf der Suche nach irgendeinem Aushilfsjob zu sein scheint. Welche sozial verwahrloste Welt soll da porträtiert werden? Und wieso fällt gerade dieser Junge ins Visier von Elisa, obwohl es doch weltweit durchaus noch ärmere Kinder geben dürfte? Eben weil der Weihnachtsmythos und die Art Weihnachten zu feiern nicht universell ist, sondern sich Kritik daran irgendein europäisches Ziel suchen muss. Schon dies hätte davon abhalten müssen, in der weiteren Geschichte dem Weihnachtsmann vorzuwerfen, er kümmere sich nicht mehr um Kinder anderer Erdteile oder gar nicht mehr um die mit der falschen Religion. Wie kann man Kindern mit so einem Unfug konfrontieren, wo sie die grundlegenden Denkprinzipien hinter solchen Abgrenzungsproblemen in keiner Weise erahnen oder begreifen können? Und dann noch Elisas Frust, dass aus ihrem leidenschaftlichen Kämpfer für Kinder, der sogar mit Gottes Billigung ein Spielwarenlager ausgeräumt hat (nein, wir vertiefen diese Pseudo-Legitimation eines Gesetzesverstoßes zum Zweck scheinbar höherrangiger Ziele jetzt nicht weiter…), ein von einem amerikanischen Brausehersteller gekaperter, unmotivierter, eitler alter Dummkopf geworden ist. Der „Afrika“ meidet. (Was genau ist „Afrika“?) Der mit bösem Blick an muslimischen Kindern vorbeistiefelt. (Feiern die etwa Weihnachten?). Der vom „Herrn der Welten“ gemocht wurde? (muss er jetzt doch wieder christlich sein der Weihnachtsmann?) Der (warum auch immer) kistenweise Cola-Flaschen mitbringt und trinkt. Und dann noch der Frust des Weihnachtsmanns, dass es den Kindern nur noch um Konsum gehe, nicht mehr um das Geschenk selbst. Dass diese in ihrer Konsumgier völlig außer Rand und Band geraten. Ja, wer würde dann nicht – wie Elisa – selbst das Heft in die Hand nehmen, sich den rot-weißen Mantel schnappen und zu edlen Taten aufbrechen? Wieso aber muss sie diese Rolle nun in genau dem Kostüm an- und übernehmen, das sie vorher so zur Weißglut gebracht hat? Und wieso nur für das eine Kind?

Wer aus Versehen in dieses mit träumerischem Titelbild versehene Buch stolpert, weil er dem Klappentext folgt und meint, er hätte da ein „wunderschönes Bilderbuch zum Vorlesen, (…) das den Menschen das kindliche Staunen zurück“ gibt, gekauft, wird jäh entsetzt sein und man mag hoffen, dass nicht unversehens kindlicher Glaube an den Weihnachtsmann durch pseudo-kindliche Erwachsenen-Fundamentalkritik zerstört wird.

Was auch immer der Autor mit diesem Schmähwerk sagen wollte: mir erschließt es sich nicht. Soll es Kulturkritik, Konsumkritik, Religionskritik sein? Gibt es dann demnächst das Pendant zum Zuckerfest? Als Kinderbuch ist es eine Totalverfehlung, als Weihnachtsbuch erst recht.

 

Verlagsangaben zum Buch:

  • Erscheinungstag: 23.09.2019
  • Seitenanzahl: 32
  • Altersempfehlung: Ab 3 Jahre
  • ISBN/Artikelnummer: 978-3-446-26441-0

Link zum Buch:

https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/elisa-oder-die-nacht-der-wuensche/978-3-446-26441-0/

Sonntag, 10. Juli 2022

Mathilda Masters, 321 superschlaue Dinge, die du über Geschichte wissen musst

Mathilda Masters, 321 superschlaue Dinge, die du über Geschichte wissen musst, Hanser Verlag

In der Reihe des Hanser-Verlages, in der kleine Leserinnen und Leser superschlaue Dinge erfahren können, ist inzwischen auch ein Band vier, nämlich der über Geschichte erschienen. Schon allein die schiere Menge der darin möglichen Zeitabschnitte, Länder, Vorgänge und Protagonisten ist so gewaltig, dass man sich durchaus hätte erlauben können, die „Geschichte“ in eigene Perioden zu unterteilen. Das hat die Autorin aber nicht getan, sondern einen thematisch sortierten Rundumschlag unternommen, um in sechst Abschnitten alles von einst bis etwa heute in einem Buch zu vereinen – und das verknappt und kindgerecht. Eine Herkulesaufgabe.

Interessant ist der Umstand, dass das Buch ab 11 Jahren empfohlen wird. Das ist ein gutes Stück vor dem Fach Geschichte im Unterrichtslehrplan (meist 7./8. Klasse Gymnasium), aber zugleich eine deutliche Abgrenzung zur Grundschulliteratur. Das ist grundsätzlich gut, da es ja doch eines gewissen Empfängerhorizonts bedarf, um sich abstrakte geschichtliche Dinge nicht nur zu merken, sondern auch zu vergegenwärtigen, selbst wenn sie wie hier attraktiv aufbereitet und nett illustriert sind. Mein Kritikpunkt an dem Buch liegt darin, dass die Kohärenz ein bisschen fehlt. Das muss sich die Aufteilung in die 321 Dinge eben doch vorwerfen lassen, wo doch gerade das Wissen um geschichtliche Zusammenhänge, die Fähigkeit aktuelle Entwicklungen und Umstände aus Vergangenem zu begreifen oder erklären zu können als Kernkompetenz einer Historikerin oder eines Historikers erstrebenswert wäre und nicht reines Einzelfaktenwissen.

Ansonsten bin ich inhaltlich mit dem Buch – wie auch ansonsten mit der ganzen Superschlau-Reihe – sehr zufrieden und habe viele Stichworte mit Kindern verschiedenen Alters angesehen, durchgelesen, diskutiert und bewertet. Natürlich kam oft der Wunsch nach weiterer Information, aber gerade dieses Anstacheln des Wissensdursts ist ja ein echter Erfolg eines Buchs. Durch sinnvolle Struktur und Querverweise wäre dann das Zusatzwissen idealerweise auch im selben Buch abrufbar, aber das wäre vielleicht ein bisschen zu viel des Guten gewesen.

Thematisch erfasst wird zunächst die Entstehung der Erde, was ja streng genommen eher in den Bereich der Naturwissenschaften gehört und entsprechend knapp gehalten ist. Danach wird ebenso kurz die Urgeschichte abgehandelt, bevor es dann in den vier größten Kapiteln um das Altertum, das Mittelalter, die Neuzeit und die Neueste Zeit geht, also ganz streng nach der klassischen Einteilung der Epochen. Zur Sprache kommen das alte Ägypten, die Griechen und die Römer, Kelten und Barbaren, aber auch andere Erdteile, sodass der Fokus nicht nur auf Europa liegt. Dies gilt für alle Kapitel, sodass man auch zum Mittelalter einige Fakten über Nordamerika oder China erfährt. In der Neuzeit kommen erwartungsgemäß die Entdeckungsreisen zur Geltung, die Kolonisierung der Kontinente und die Revolutionen. Die jüngste Geschichte wird eher nach sachlichen Themen untergliedert, nämlich Erfindungen, Weltkriege und Fernseh- und Computerzeitalter. Die einzelnen Artikel verbinden dann geschickt Fakten und kulturelle Begebenheiten, ggf. anhand markanter Persönlichkeiten oder anhand von deren bemerkenswerten Eigenschaften oder Eigenheiten. Besondere Namen und Begriffe sind bei Bedarf extra farbig im Text hervorgehoben.

Wenn man berücksichtigt, dass man sich manche Dinge besser merken kann, wenn sie im Kopf mit einer Besonderheit verknüpft werden können, so ist der Ansatz dieses Buches, dieser Reihe für Kinder richtig gut. Betrachtet man die avisierte Leserschaft ab 11/12 Jahren, so hätte es wie oben beschrieben durchaus etwas mehr Gesamtbetrachtung und Stringenz geben können, um die aneinander gereihten Fakten zu einem Überblickswissen zu verknüpfen. Dennoch ist das Buch eine tolle Ergänzung der Reihe und für wissbegierige Kinder absolut lesenswert, im Ganzen oder in Etappen.

 

Verlagsangaben zum Buch:

  • Erscheinungstag: 27.09.2021
  • Seitenanzahl: 296
  • Altersempfehlung: Ab 11 Jahre
  • ISBN/Artikelnummer: 978-3-446-27131-9

Link zum Buch:

https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/321-superschlaue-dinge-die-du-ueber-geschichte-wissen-musst/978-3-446-27131-9/

Stephan Krass, Die Spur der Buchstaben

Stephan Krass, Die Spur der Buchstaben, Steidl Verlag

Zugegeben, die Lektüre dieses Buches gelingt nicht mal einfach so und nebenbei. Dafür hat der schreibgewandte und belesene Autor zuviel an Informationen, Wendungen und Denkanstößen in den Texten verarbeitet. Immerhin: das Buch selbst ermutigt zum Querlesen und ermöglicht ein Durcheinanderlesen, denn die einzelnen, zum Alphabet gehörenden Stich- und Schlagworte stehen in keinem linearen Zusammenhang oder in einer inneren Konsequenz. Auf diese Weise kann man das Buch in Stücken, im Ganzen oder auch von hinten nach vorne lesen, ganz wie es einem beliebt. Das wäre auch ganz im Sinn der großen Sprachenthusiasten, die Krass allerorten zitiert, denen er huldigt, den Arbeitern der Sprache, den Phantasten der Sprache, den kühlen Analytikern, den wirren Wortverdrehern. Alle Genres gehören dazu, um der Sprache und der Buchstaben gerecht zu werden – denn ihrer Herr wird man sowieso nie, dafür sind Buchstaben, Sprache, Literatur, Lyrik und selbst spröde Sachtexte zu flexibel, zu anpassungsfähig und zu dynamisch. Man muss jedoch beileibe nicht die Höhen eines Philosophen wie Schopenhauer – man erinnere sich: jedes Wort ein Sprachspiel – oder eines begnadeten Geistes wie Canetti: Buchstaben als Ameisen mit eigenem Staat – erklimmen, um an dem Buch Gefallen zu finden. Denn Krass nimmt die Leserinnen und Leser vielerorts ganz grundlegend mit auf seine historische und kulturelle Reise zu den Buchstaben, ihrer Bedeutung, ihrer Weiterentwicklung, ihrer Verarbeitung und ihrer möglichen zukünftigen Rolle. Seine eigene, stets deutlich bemerkbare Zuneigung zu Buchstaben in all ihren Spielarten schafft es an vielen Stellen, die Lektüre zu einem besonderen Erlebnis zu machen, ein bisschen mit einzutauchen in den Kosmos aus Lettern und ihrer Bedeutung und von den vielen im Text verankerten Assoziationen zu lernen. Dass Krass dann anderenorts nicht aus seiner Rolle als Dozent herauskommt, sei ihm verziehen. Denn dort klingt er dann zu wissenschaftlich, zu sehr nach „ich weiß noch was“, zu nerdig. Letzten Endes muss ein Autor, der sich dem Sujet umfassend und nicht nur subjektiv zuwenden will, aber gerade diesen Grad an Kopfarbeit beherrschen, um im Gesamteindruck zu überzeugen. Da das Buch zum Glück nur selten nach Proseminar klingt, stört es deshalb auch nicht weiter, wenn man sich bisweilen in einer Vorlesung wähnt (Kapitel „Medium“ z.B.).

Die Leser werden mit dreißig kleinen Kapiteln konfrontiert, die sich, alphabetisch sortiert und mit vier ergänzenden Abschnitten, u.a. zu den Umlauten, mit verschiedenen Themen rund um die Buchstaben befassen, bspw. Code, Erzählen, Konsonant, Passwort, Stimme etc. Manchmal ist es ein wenig umständlich, um vom Ausgangspunkt zum Thema zu kommen, an anderen Stellen ist der Text ein einziger schön lesbarer Fluss. Dass Krass dabei einerseits die althergebrachten Kulturtechniken (Handschrift, Buchdruck, Schriftbild, Typographie) und echte Buchhandarbeit preist, verwundert nicht und schadet auch nicht. Denn gleichzeitig steht er der Digitalisierung mit dem gebotenen Ernst und dem nötigen kritischen Staunen gegenüber und lässt die Leser auch daran teilhaben.

Wer Sprache und Literatur liebt, der wird dieses Buch mit Genuss lesen. Man erfährt viele Dinge, die man mit Sicherheit vorher nicht gekannt, die man so nicht in Verbindung gebracht, die man so nicht durchdacht hatte. So verbleibt man mit dem Buch nicht im Deskriptiven, sondern kann sich tatsächlich auf eine Spracherfahrung einlassen, die man so nicht jeden Tag zu Gesicht bekommt.

 

Verlagsangaben zum Buch:

  • Erscheinungstag: 12.11.2021
  • Seitenanzahl: 160
  • ISBN/Artikelnummer: 978-3958299818

Link zum Buch:

https://steidl.de/Buecher/Die-Spur-der-Buchstaben-2126394857.html

Donnerstag, 7. Juli 2022

Jane Gardam, Mädchen auf den Felsen

Jane Gardam, Mädchen auf den Felsen, Hanser Verlag

Von Dr. Verena Krenberger

In diesem schmalen Band versteckt sich auf 220 Seiten die Lebensgeschichte von drei Generationen in der britischen Provinz. Die Qualität und der Rang der Autorin zeigen sich in ihrer Kompetenz, auf wenigen Seiten Charaktere zum Leuchten zu bringen und ihr innerstes Wesen sichtbar werden zu lassen.

Zunächst begleiten wir die achtjährige Margaret in ihrem durch den religiösen Ambitionismus ihres Vaters eingeengten Leben. Nachdem alles, was einem jungen Mädchen Freude macht, aufgrund des strikt gottesfürchtigen Regimes des Vaters verboten ist, zudem ihre Mutter den neugeborenen Bruder umsorgen muss, wird ihr eine kleine Flucht aus dem mit Bibelzitaten gefüllten Alltag erlaubt: Lydia, eine junge Frau aus armseligen Verhältnissen wird als Hausmädchen zur Entlastung der Mutter aufgenommen und darf Mittwochs mit Margaret einen Ausflug mit der Eisenbahn an die Küste machen. Dort überlässt sie Margaret allerdings weitgehend sich selbst, um sich mit dem Gärtner im Wald einzulassen. Margaret streift herum, macht erste, für sie verstörende Beobachtungen in Sachen Sexualität und trifft im Garten einer herrschaftlichen Villa einen offensichtlich geisteskranken oder dementen älteren Herrn an einer Staffelei, mit dem sie sich nach und nach anfreundet. Allein diese reduzierten Unterhaltungen der beiden, die aufgrund der Demenz des älteren Herrn immer wieder von Neuem beginnen, sind ein Meisterstück der Literatur.

Später lernt Margaret im Rahmen eines Anstandsbesuchs ihrer Mutter bei früheren Freunden Charles und Binkie kennen: Ein älteres Geschwisterpaar aus der Vergangenheit ihrer Mutter. Nach und nach lüftet sich das Geheimnis, dass die Besitzerin der Villa, in der der ältere Herr wohnt und malt, die Mutter von Charles und Binkie ist und eine Ehe zwischen Charles und Margarets Mutter verhindert hat. Auch diese Beziehung wird in interessanten Flashbacks nach und nach lebendig, eher aus beiläufigen Bemerkungen und kurzen, aber wohlplatzierten Andeutungen der Protagonisten.

Es kommt zum Eklat, als der bigotte Vater sich an Lydia heranmacht, woraufhin Margarets Mutter in die Arme von Charles flieht und Margaret verstört an den Strand läuft, wo sie von der Flut überrascht wird. Um das Ende nicht zu verraten, sei nur so viel gesagt, dass einige Protagonisten sterben müssen und in einer erleichternden Schlussszene alle Fäden der Geschichte miteinander zu einem aufklärenden Ende verwoben werden, so dass der Leser aus einer in sich stimmigen und runden Geschichte befriedigt entlassen wird.

Nur ein makabres Detail bleibt ungeklärt und die verstörende Szene sticht aus dem ansonsten recht gleichförmig getriebenen Schreibstil heraus: Margaret entdeckt bei ihren ersten Streifzügen zur Villa im Garten eine Art Schubkarre mit einer verrottenden Leiche einer Frau. Zwar kann man vermuten, um wen es sich dabei handelt, doch wird kein Detail eines Mordes oder des Verschwindens der Frau angeboten. Nach der erschreckenden Entdeckung gibt es auch nur eine einzige kurze Erinnerung von Margaret, ansonsten wird nicht mehr darauf Bezug genommen. So ist dies der einzige offene Faden, der zumindest nicht eindeutig zu Ende gewoben wurde.

Das Buch beginnt monoton und bedrückend, um die einengende Überregulierung durch den Religionswahn des Vaters zu verdeutlichen. Die Geschichte kulminiert aber in einen Strudel der Ereignisse, bei denen jeder Protagonist auf seine Weise versucht, der Enge und Trübsal zu entfliehen oder seinem Schicksal eine andere Wendung zu geben. Wie gefangen Menschen in ihrer Denkweise durch kleine Schicksalsschläge der Vergangenheit sind, wird in der geschädigten Beziehung von Charles Mutter zu ihren Kindern dargestellt, die realitätsnäher nicht sein könnte. Eine sterbenskranke Frau liegt bewegungsunfähig in ihrem Bett und wird von ihren Kindern nicht mehr besucht, da sie in ihrer schroffen, aus früheren Zurückweisungen gespeisten Art, ihre Kinder zu oft vor den Kopf gestoßen und ungeliebt gelassen hat. So denkt sie mit Verärgerung und Enttäuschung an ihre Kinder und rächt sich mit einem letzten Aufbäumen durch Enterbung an ihren vermeintlich undankbaren Kindern.

Eine beeindruckende Szene ist jene, in der Lydia voller Wut Margarets Vater zurückweist, der sexuell übergriffig wird. In primitiver Sprache legt sie ihr armseliges Leben dar, ihre Hoffnung aus Flucht vor prekären Verhältnissen durch die Anstellung als Hausmädchen und entlarvt den bigotten Glauben des Vaters in all seiner Scheinheiligkeit und mit einer wuchtigen Klarheit. Die Antipathie, die der Leser von Beginn an diesem scheinheiligen Religionsfanatiker gegenüber entwickelt, kann sich in diesem stellvertretenden Ausbruch dankbare Erleichterung verschaffen.

Insgesamt handelt es sich um ein nur vordergründig unscheinbares Buch aus der englischen Provinz, enthält es doch präzise Lebensbeschreibungen und viel Facetten des menschlichen Miteinanders, die nicht klarer hätten gezeigt werden können.

 

Verlagsangaben zum Buch:

  • Erscheinungstag: 11.04.2022
  • Seitenanzahl: 224
  • ISBN/Artikelnummer: 978-3-446-27228-6

Link zum Buch:

https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/maedchen-auf-den-felsen/978-3-446-27228-6/