Sonntag, 28. Februar 2021

Benedict Wells, Hard Land

Benedict Wells, Hard Land, Diogenes Verlag

Wenn einige Zeit ins Land gegangen ist, darf man stets gespannt sein, welchem Projekt sich ein Romanautor als nächstes widmet. Wells ist unbestreitbar ein begnadeter Erzähler, aber auf der Suche nach schriftstellerischer Vielfalt gilt es natürlich, verschiedene Genres einmal zu streifen. Hier hat er sich einen Coming of Age Roman vorgenommen, dies sogar mit einem besonderen Gimmick, nämlich dem Buch im Buch, wenngleich in etwas untypischer Form. Denn Hard Land ist nicht nur der Romantitel, sondern auch der Titel eines Gedichtbands, den alle Schüler der örtlichen Highschool in Grady, Missouri, lesen und analysieren müssen. Auch dieser handelt, jedenfalls an der Oberfläche, vom Erwachsenwerden und ist so ziemlich das einzig Berühmte, das der kleine Ort noch zu bieten hat, nachdem der einzige größere Industriebetrieb dichtgemacht hat und zahlreiche Arbeiter in die Bedeutungslosigkeit verdammt worden sind. Zu letzteren gehört auch Samuels Vater, ein stiller Kerl, zu dem Sam in seiner sich entwickelnden Pubertät keinen rechten Zugang findet. Den Zugang hat er vielmehr zu seiner Mutter, die vor Ort einen Buchladen leitet, jedoch an einer unheilbaren Krankheit leitet. Dies belastet Sam sehr und zugleich muss er seiner eigenen Entwicklung zu einem jungen Mann Tribut zollen, indem er Neues entdeckt, Niederlagen einstecken muss, aber auch unerwartete Momente des Glücks erleben darf. Das alles verpackt Wells in Sams Rückblick auf einen für ihn bedeutungsschweren, gefühlsreichen und einzigartigen Sommer, in dem er Freunde findet, sich verliebt, Erfahrungen mit Verlust, Trauer und Schmerz machen muss, aber ebenso beginnt, zu sich selbst zu finden und seine eigenen Grenzen zu erkennen und zu definieren.

Was Sam während des Sommers mit seiner Familie erlebt ist dabei der eine Handlungsstrang, noch mehr aber der Zugang zu seinen neuen Freunden Cameron, Hightower und natürlich Kirstie, der Tochter des Kinobetreibers. Sam muss die emotionalen Untiefen beider Welten in sich in Einklang bringen und den nahenden Tod der Mutter irgendwie in sein Leben einordnen. Nach kleineren sprachlichen Rumplern zu Beginn mündet der Roman in einen wunderbaren Erzählfluss, der die Leser mitnimmt und teilweise emotional stark in Beschlag nimmt – sofern man es denn zulässt, sich von den Ereignissen mitreißen zu lassen. An Wells jedenfalls liegt es nicht, wenn man nicht an der einen oder anderen Stelle herzlich lachen kann oder aber auch Trauer zusammen mit Sam zulassen muss. Sams Erwachsenwerden wird einfühlsam, aber auch reflektiert in die Köpfe der Leser transportiert, sodass man wahrlich bis zum sympathischen Schlusskapitel mit Sam leidet, fiebert und auch still lächelt. Dies gilt nicht nur für die unvermeidbaren Peinlichkeiten eines pubertierenden jungen Mannes, sondern viel mehr für seine Erfolgserlebnisse.

Dass der Schauplatz in den mittleren Westen der USA und in die 80er Jahre verlegt wurde, schadet der Geschichte überhaupt nicht. Denn zum einen wird so die Hommage an genretypische Filme deutlich, zum anderen können Konstellationen wie die von Wells in Grady geschilderten Vorgänge und Erlebnisse schwerlich in eine Kleinstadt ins Ruhrgebiet transportiert werden. Es braucht also durchaus die örtliche und szenische Entfremdung, die durch die amerikanische Filmindustrie aber dennoch leicht vorstellbar bleibt, mit all ihren Klischees, die Wells aber nicht überstrapaziert. So bleibt auch immer Raum für die leisen Zwischentöne, die die Charaktere dann interessant machen.

Der Roman bietet eine neue, erfreuliche Facette in Wells‘ Werkpalette und liest sich richtig gut. Aus meiner Sicht eine klare Lektüreempfehlung.

 

Verlagsangaben zum Buch:

  • Erscheinungstag: 24.02.2021
  • Seitenanzahl: 352
  • ISBN/Artikelnummer: 978-3-257-07148-1

Link zum Buch:

https://www.hard-land.de/

Vivian French, Ritter werden leicht gemacht - Drachen sind Nichtschwimmer

Vivian French, Ritter werden leicht gemacht - Drachen sind Nichtschwimmer, Schneider Buch Verlag

Im Schneider Buchverlag ist eine neue Reihe erschienen, in welcher der junge Sam Butterkappe seinen größten Wunsch erfüllen möchte: ein echter, edler Ritter zu werden. Die Voraussetzungen hierfür sind denkbar günstig, lebt er doch offensichtlich in adeligen Verhältnissen und sowohl seine Familie als auch die seiner Cousine Nella residieren in Burgen und haben wohlklingende Namen sowie ausgefallene Beschäftigungen. Sam, der eigentlich Samuel heißt, verbringt notgedrungen einige Zeit bei Tante Eiltrud und Onkel Archibald, den Eltern von Nella, die eigentlich Brunella heißt, und hat zunächst Schwierigkeiten, sich einzuleben: er und Nella finden sich gegenseitig doof, er wohnt ganz oben im Turmzimmer, von wo aus es ihm mitunter schwerfällt, dem Pünktlichkeitswunsch seiner Tante Genüge zu tun, und seinem Ziel, Ritter zu werden, kommt er zunächst auch nicht näher. Da jedoch kommt Gottfried ins Spiel, ein kleiner Drache, der sich zur Betreuung in der Burg befindet und auf den Nella aufpassen soll. Natürlich entwischt er ihr und landet im Brunnen im Garten, aus dem er gerettet werden muss, bevor Nellas Mutter etwas davon bemerkt. Leichter gesagt als getan, aber im quasi erzwungenen Zusammenspiel der beiden Kinder bemerken diese, dass man es doch durchaus in der Gegenwart des anderen aushalten kann und so gelingt am Ende die Rettungsaktion, die auch für manch andere positive Entwicklung sorgt. Denn dank beiläufiger Tipps des Onkels Archibald und dank eines Zufallsfundes im Brunnen gelingt Sam der erste Schritt in Richtung Ritterschaft. Wie es damit weitergeht, bleibt offensichtlich dem zweiten Band vorbehalten.

Das Buch ist ideal für Leseanfänger, also Grundschüler der Klassen 1-3, die sich in die Geschichte dank des überschaubaren zeitlichen und inhaltlichen Rahmens gut eindenken können. Die Probleme und Lösungsansätze sind kindgerecht und die Mischung aus realistischem Kindeserleben mit ein bisschen Mitteralterumgebung ist in diesem Alter gut platziert. Die comicartigen Illustrationen ergänzen die Geschichte sinnvoll.

Insgesamt eine schöne neue Reihe für Leseanfänger, die insoweit auch „neutral“ geschrieben ist, als sich Nella am Ende der Geschichte mal schnell ebenfalls zur Ritterin aufschwingt und so den Fokus weg von einer möglicherweise reinen Jungs-Geschichte lenkt.

 

Verlagsangaben zum Buch:

  • Erscheinungstag: 06.02.2020
  • Seitenanzahl: 128
  • Altersempfehlung: Ab 8 Jahre
  • ISBN/Artikelnummer: 9783505143250

Link zum Buch:

https://www.harpercollins.de/products/ritter-werden-leicht-gemacht-drachen-sind-nichtschwimmer-9783505143250

Ali Sparkes, Die Nachflüsterer (2) – Die Bedrohung

Ali Sparkes, Die Nachflüsterer (2) – Die Bedrohung, Hanser Verlag

Der zweite Band der Nachtflüsterer-Reihe von Ali Sparkes setzt das großartige Szenario des ersten Bandes gekonnt fort. Wir treffen die drei Helden, die Nachtflüsterer Matt, Tima und Elena wieder, sowie den seltsamen Vampir Spin. Die drei Kinder wachen jede Nacht um 1:34 Uhr auf, da sie – wie aus dem ersten Band bekannt – von einem kosmischen Strahl geweckt werden. Sie haben zusätzlich die Begabung, mit Tieren kommunizieren zu können: Matt mit Vögeln, Elena mit Säugetieren und Tima mit Insekten. Auf ihren Streifzügen treffen sie auf eine seltsame Frau, die sich als Carra vorstellt und nach einigen Verwicklungen wird deutlich, dass sie von einem anderen Planeten zur Erde geflogen ist, um einen Abtrünnigen ihres Planeten zu fangen, der die Erde unter seine Kontrolle und die Menschen ausrotten will. Somit ist klar, dass die Kinder nicht nur Tiersprache, sondern jede beliebige Sprache dieser und aller anderen Welten verstehen und sprechen können. Eine der stärksten Szenen des Buches ist jene, in der die außerirdische Carra Tima mit einer Art Schleimwaffe angreift und auf dem Boden fesselt und Tima nach einigen Warnungen ihre Insektenfreunde auf Carra loslässt, die sie in die Flucht schlagen.

Im Verlauf der Geschichte wird klar, dass der Abtrünnige namens Morto eine Orchideenart so verändert hat, dass ihr Blütenstaub die Luft für Menschen todbringend verseucht. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt, bei dem auch die Eltern der Kinder verletzt werden, da sie den schädigenden Blütenstaub eingeatmet haben. Mit Hilfe von Carra und auch Spin gelingt es ihnen schließlich, Morto zu stellen und gefangen zu nehmen. Tima ruft ihre Heuschreckenfreunde, die der Blütenplantage den Garaus machen.

Wie schon im ersten Band, ist die extraterrestrische Fantasy etwas dick aufgetragen, gehört aber zum Grundtenor des Buches. Etwas weniger hätte es allerdings auch getan – dass immer gleich die ganze Menschheit gerettet werden muss, ist ein wenig viel des Guten. Insbesondere, da es der Autorin wieder sehr gut gelingt, die Charaktere zum Leben zu erwecken und das Zusammenspiel der Kinder mit den Tieren so darzustellen, dass die jungen Leser realitätsnah das Gefühl haben, auch sie könnten plötzlich solche Kräfte entwickeln. Dass die Kinder ihre Kräfte nicht missbrauchen und wahllos ihre Tierfreunde auf ihre Feinde hetzen, sondern abwägen, was sie den Tieren zumuten können und worum sie sie bitten möchten, ist eine besondere Stärke des Buches. Wie auch im ersten Band spielen die Erwachsenen eine untergeordnete Rolle, sind höchstens hinderlich oder im besten Fall unbedarft und die verschieden nachgezeichneten Elternmodelle (im Falle von Tima überfürsorglich, von Elena psychisch krank und von Matt gewalttätig) werden auch diesmal als traurige Hintergrundmusik der Charaktere gekonnt eingewoben und lässt die Kinder noch reifer wirken.

In diesem Band, ist die Geschichte deutlich gehetzter und spannungsgeladener als im ersten Band. Die Kinder jagen von einem Spannungsbogen zum nächsten und oft gelingt es ihnen erst in letzter Sekunde, die nächste Hürde im Wettlauf gegen die Zeit zu nehmen. Das Buch kann man in diesen Momenten auf gar keinen Fall aus der Hand legen.

Ein Cliffhanger ist die Figur des seltsamen Vampirs Spin. Er scheint in Elena verliebt, mag die anderen Kinder allerdings gar nicht und hilft eher widerwillig, weil er eben diese Welt braucht, um in ihr zu leben. Er verabschiedet sich auf den letzten Seiten des Buches von Elena mit einer vagen Andeutung, er sei eine Weile weg und es darf vermutet werden, dass Band 3 Auskunft geben wird, wie es mit ihm weiter geht. Jeder Leser von Band 1 und 2 der Nachtflüsterer, wird schon gebannt darauf warten…

 

Verlagsangaben zum Buch:

  • Erscheinungstag: 22.07.2019
  • Seitenanzahl: 272
  • Altersempfehlung: Ab 10 Jahre
  • ISBN/Artikelnummer: 978-3-446-26443-4

Link zum Buch:

https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/die-nachtfluesterer-die-bedrohung/978-3-446-26443-4/

Anna Ruhe, Die Duftapotheke (5). Die Stadt der verlorenen Zeit

Anna Ruhe, Die Duftapotheke (5). Die Stadt der verlorenen Zeit, Arena Verlag

Weiter geht es mit einem fünften Band der Buchreihe „Duftapotheke“. In gewohnt wunderschöner Aufmachung und mit hübschen Illustrationen setzt dieser Band die Geschichte um Luzie Alvenstein und ihre Freunde fort. Luzie ist eine Sentifleur und Duftapothekerin – das heißt, sie kann magische Düfte herstellen und mittels Düften die Gefühlswelt anderer Menschen erkennen und kontrollieren. Die Buchreihe nimmt mit jedem Band an Fahrt auf und die Leser erfahren mehr über die unglaubliche Wirkweise der magischen Düfte. In diesem Band nun ist sogar eine Reise durch Raum und Zeit möglich und die Kontrolle von Menschen rein durch die Willenskraft der Sentifleurs. Bereits aus dem letzten Band ist Luzies Gegenspieler Edgar bekannt, der uneheliche Sohn des Meisters der Gruppe der „Ewigen“, Syrell de Richemont. Letzterer ist inzwischen außer Gefecht gesetzt und kann die sich selbst als „Bessergeborene“ bezeichnende Gruppe der Ewigen nicht mehr führen, die sich mit einem Ewigkeitsduft ein endloses Leben beschert haben und Edgar und weitere Personen als Dienstboten versklavten. Elodie, die Tochter Syrell de Richemonts, erkennt inzwischen die dunklen Machenschaften ihres Vaters und wechselt in diesem Band die Seite. Das beginnende Überwinden des Misstrauens Luzies gegenüber der ehemaligen Feindin, das aufkeimende Vertrauen und am Ende sogar die Verbundenheit und Freundschaft sind einfühlsam portraitiert. Auch die aufkeimende erste Liebe zwischen Luzie und Mats sowie die enge Bruderliebe zu ihrem kleinen Bruder Benno sind für jugendliche Leser nachvollziehbar dargestellt und helfen als Vorbilder in dieser stürmischen Lebensphase. Luzie und ihre Helfer folgen Edgar und den Ewigen nach Venedig auf einen Maskenball in einer anderen Zeit. Hier plant Edgar, von Hass auf seine ehemaligen Peiniger geprägt, die Ewigen in der Zeit verschwinden zu lassen, Luzie und Elodie in seine Gewalt zu bekommen und ein Geheimnis von Daan, dem alten Duftapotheker zu lüften. Schlussendlich können Luzie und ihre Freunde entkommen, aber die beiden anderen Ziele erreicht Edgar – ein passender Cliffhanger für den nächsten, im Herbst erscheinenden Band.

Die Autorin beschreibt die Geschichte routiniert und setzt die Charaktere auf vertraute Weise fort. Es ist spannend zu sehen, dass sie mit jedem weiteren Buch, die Mächtigkeit dessen, was mit Düften verursacht werden kann und was das Talent der Sentifleurs betrifft, weiter beschreibt und erweitert. So können die Leser Luzie dabei folgen, wie sie ihr Talent nach und nach entdeckt und weiterentwickelt.

Möchte man an diesem Band etwas kritisieren, so ist es wohl die ab und zu etwas zu saloppe Sprache (z.B. S.46 „… ich hätte loskotzen können …“ oder S.132: „… genauso neben der Kappe …“), die nicht recht zum sonstigen Schreibstil passt. Auch hätte man sich etwas detailliertere Beschreibungen der jeweiligen Handlungsorte vorstellen können als z.B. S. 117: „ … über uns funkelten weitere Kronleuchter von der Größe eines Nilpferdes.“ Richtig eintauchen in die Kulisse des vergangenen und heutigen Venedig kann der Leser so jedenfalls nicht. Allerdings gibt es keine Brüche in der Handlungsfolge, die logischen Überleitungen sind alle stimmig – was in diesem rasanten Trubel der Zeiten- und Ortswechsel beeindruckend ist.

Zusammenfassend ist auch dieses Buch wieder eine schöne Art, in eine magische Welt einzutauchen. Leser und Leserinnen von 10 bis 15 Jahren können den Charakteren in ihrer Gefühlswelt gut folgen und zugleich ein magisches Abenteuer erleben. Insbesondere, dass der jetzige Bösewicht Edgar selbst ein früheres Opfer ist, dessen Beweggründe daher nachvollziehbar sind, wenngleich er nun in seiner Radikalität und Rache völlig übertreibt, ist für jugendliche Leser ein gutes Moment, um darüber nachzudenken, dass ein reines schwarz und weiß auch in Realität selten existiert.

 

Verlagsangaben zum Buch:

  • Erscheinungstag: 10.11.2020
  • Seitenanzahl: 288
  • Altersempfehlung: Ab 10 Jahre
  • ISBN/Artikelnummer: 978-3-401-60523-4

Link zum Buch:

https://www.arena-verlag.de/artikel/die-duftapotheke-5-die-stadt-der-verlorenen-zeit-978-3-401-60523-4

Sonntag, 21. Februar 2021

Sheridan Winn, Vier zauberhafte Schwestern und ein wundersames Fest

Sheridan Winn, Vier zauberhafte Schwestern und ein wundersames Fest, Fischer KJB

Nun ist also ein Weihnachtsband in der erfolgreichen Reihe der Vier zauberhaften Schwestern erschienen. Zeitlich liegt er vor dem ersten Band, in dem Sky als jüngste der Cantrip-Schwestern ihre Kräfte entdeckt. Für Leserinnen, die schon alle weiteren Bände gelesen haben, ist dies etwas ungewohnt, da sie ihre Protagonistinnen zu einem schon zu späteren Zeitpunkten kennen, zu denen ihre magischen Fähigkeiten weiter entwickelt sind. Die drei älteren Schwestern Flame, Marina und Flora, die die magischen Kräfte des Feuers, des Wassers und der Erde besitzen, müssen nun also nicht nur ihre Kräfte vor den Eltern, der kleinen Schwester und den Gästen verbergen, sondern sie zugleich geschickt gegen einen Eindringling einsetzen. Als die Mädchen nämlich mit ihrem Vater Tannenzweige für die Weihnachtsdekoration ins Haus bringen, bemerken sie den Kobold nicht, den sie aus Versehen mit hereinholen. Er stellt allerhand Unfug an und wird zu einer lästigen Plage, ist aber unsichtbar und daher für den Rest der Familie nicht greifbar. Die drei Schwestern müssen allerhand Tricks anwenden, um ihn aus dem Haus zu jagen.

In bester Cantrip-Manier gelingt ihnen das natürlich gemeinsam, jede mit ihren eigenen Fähigkeiten, aber zum Wohle des gemeinsamen Ziels, die Familie und das Haus zu schützen. Familiärer Zusammenhalt, Wertschätzung jedes Einzelnen und Magie – dies ist das Kochrezept, nach dem diese Buchreihe konzipiert ist. Und auch der vorliegende Band liegt erneut ganz auf dieser Linie, so dass treue Leserinnen nicht enttäuscht werden. Es gibt viele lustige Momente, wenn der Kobold den Mädchen ein Schnippchen schlägt, und man fiebert mit, wenn die Mädchen versuchen, dem Kobold eine Falle zu stellen. Der Perspektivwechsel in den Kapiteln, die mal aus Sicht der Mädchen, mal aus Sicht des Kobolds geschrieben sind, beschleunigt das Lesetempo und lässt die Geschichte wunderbar aufleben. Das harmonische Miteinander bei den Weihnachtsvorbereitungen, die familiären Traditionen und das reichhaltige Essen zaubern ein idealistisches Weihnachtsbild, das wunderbar zu lesen ist. Auch wenn die meisten Weihnachtsfeiern der Leserinnen zuhause nicht annähernd so festlich, rituell und pompös ausfallen dürften, ist es eine Wohltat, von solch heiler Welt zu lesen.

Insgesamt ist die Handlung des Buches äußerst harmlos, für jüngere Leserinnen ab 8 Jahren bestens geeignet. Verglichen mit einigen der zeitlich später angesiedelten Bände, in denen die vier Schwestern sich gegen Angriffe auf ihr Haus und ihr Leben zur Wehr setzen müssen, in Tiere verwandelt werden oder von riesigen Käfern angegriffen werden, ist dieses Buch der Reihe nun mit nur einem frechen Kobold ganz harmlos bestückt. Es eignet sich daher auch als Einstiegsband in diese Reihe, mit der die Leserinnen auch durchaus bis 12 Jahren noch ihre Freude haben.

 

Verlagsangaben zum Buch:

  • Erscheinungstag: 25.09.2019
  • Seitenanzahl: 240
  • Altersempfehlung: Ab 9 Jahre
  • ISBN/Artikelnummer: 978-3-7373-4151-6

Link zum Buch:

https://www.fischerverlage.de/buch/sheridan-winn-vier-zauberhafte-schwestern-und-ein-wundersames-fest-9783737341516

Jan Costin Wagner, Sommer bei Nacht

Jan Costin Wagner, Sommer bei Nacht, Galliani Verlag

Der neue Roman von Jan Costin Wagner bewegt sich im gewohnten Milieu und begleitet Ermittler auf dem Weg in die Untiefen menschlicher Abgründe und Verbrechen – sowohl in vergangene als auch in aktuelle, die möglichst noch verhindert werden sollen. Das Ermittlerteam Ben (Neven) und Christian (Sandner) agiert von Wiesbaden aus und wird an einem schönen Sommertag zu einer Grundschule gerufen, wo ein kleiner Junge auf unerklärliche Weise verschwunden ist, offenbar an der Hand eines unbekannten Mannes, der ihn mit einem großen Teddybär gelockt hat. Der Alptraum jeder Eltern. Im Laufe des Romans müssen sich die Ermittler und das hinter ihnen stehende Kommissariat Stück für Stück voranarbeiten, um am Ende in einem Showdown zu versuchen, den Tod des Kindes zu verhindern – und entdecken ganz nebenbei ein weiteres Verbrechen, das furchtbarerweise Parallelen zu Entdeckungen des Jahres 2019 aufzeigt.

Der Roman liest sich fast wie ein Film. Dies liegt nicht nur an der Erzählstruktur, dazu gleich, sondern auch am Aufbau selbst: die Suche nach dem Täter, die nur schleppend vorangeht, mit Zufallsfunden und Zufallszeugen, mit auf einmal virulenten Parallelfällen (Stichwort „Serie“…) und einigen Wendungen, die einen Tatort-Zuschauer kaum noch überraschen, einen Buchleser aber doch eher langweilen. Es ist natürlich trotzdem ein gerade am Ende packender Krimi, aber zwischendrin hat er Längen.

Im Einzelnen: wieso muss der Ermittler Ben trotz intakter Familie nicht näher erklärten pädoerotischen Neigungen nachgehen? Warum muss der Ermittler Christian einer Zufallsbegegnung, die sich später auch noch als wichtige Zeugin entpuppt, von seinen Kindheitstraumata berichten? Hat beides nichts mit dem Fall zu tun, macht die Figuren nicht plausibler. Sodann: warum wird der Ermittler Ben immer beschrieben, dass er in seinen Gedanken wie durch Nebel stochert und offenbar automatisiert doch die richtigen Dinge tut und sagt? Des Weiteren: warum braucht es den pensionierten Mentor Landmann, der doch nicht auf richtige Spuren führt, der darüber hinaus einen persönlichen Schicksalsschlag erleidet, der den Fall aber nicht weiterbringt? Auch andere Figuren werden mehr oder weniger weiter ausgeführt, ohne dass ein Eindruck von echter Kohärenz zur Story entsteht. Es liest sich natürlich nett und gut, wie immer bei Wagner, aber es zieht sich und franst aus.

Hinzu kommt die Erzählstruktur. Viele kleine Kapitel, ständiger Personenwechel, alles abgehackte Einzelstücke, die sich sukzessive zu einem größeren Bild fügen sollen – es aber eben doch nicht tun, siehe oben. Dazu kommt, dass Wagners große Begabung zur Schaffung beeindruckender Sprachbilder in diesem Gewirr von Schlaglichtkapiteln völlig untergeht. Seine klugen Wendungen, großen Metaphern und ins Gehirn einsinkenden Sätze kommen nicht zur gebotenen Wirkung, weil das scheinbare Tempo der Erzählung mit den ständigen Perspektivsprüngen keine Zeit zum Verweilen lässt und auch die einzelnen Teilstücke nie genug Stoff bieten, um seine bombastische Sprachkunst raumgreifend wirken zu lassen. Wirklich schade.

So habe ich am Schluss der Lektüre – trotz des gelungenen Endes der Geschichte – irgendwie das Gefühl, dass der Roman in sich nicht ganz stimmig ist.

 

Verlagsangaben zum Buch:

  • Erscheinungstag: 13.02.2020
  • Seitenanzahl: 320
  • ISBN/Artikelnummer: 978-3-86971-208-6

Link zum Buch:

https://www.galiani.de/buch/jan-costin-wagner-sommer-bei-nacht-9783869712086

Samstag, 20. Februar 2021

Anna James, Pages&Co – Matilda und das Geheimnis der Buchwandler

Anna James, Pages&Co – Matilda und das Geheimnis der Buchwandler, Edel Kids Books

Wunderbar – nur so lässt sich die Geschichte beschreiben. Ganz warmherzig, voll wunderbarer Details, zauberhafter Begegnungen und dem nötigen Maß an Spannung und Abenteuer. Junge Leserinnen und Leser ab 10 Jahren werden hier in eine Welt entführt, die einen ganz neuen Blick auf die im Regal stehenden Lieblingsbücher eröffnet. Die Geschichte rund um Matilda Pages und Oscar Roux ist detailreich und „very british“. Das ganze Setting der Geschichte zaubert einen Kosmos, dem man sich kaum entziehen kann und bleibt bis zum Schluss spannend.

Matilda wächst bei ihren Großeltern auf, die eine Buchhandlung führen. Ihr Vater ist nicht bekannt, ihre Mutter verschwand spurlos, als Matilda – genannt Tilly – noch ein ganz kleines Baby war. Mit Oscar, einem Legastheniker, der in der Nachbarschaft wohnt, freundet sie sich nach und nach an und er wird ungewollt mit in Matildas Nachforschungen nach dem Verbleib ihrer Mutter mit hineingezogen. Erst hält er sie für verrückt, als Matilda ihr davon berichtet, dass sie plötzlich Besuch von Alice im Wunderland hatte. Tilly kann es selbst kaum glauben, doch im Verlauf der Geschichte erfährt sie, dass sie eine Buchwandlerin ist und sich in die Geschichten von Büchern hineinlesen kann. Dabei kann sie den Verlauf der Geschichte nicht dauerhaft verändern, erlebt aber die gesamte Buchgeschichte wie eine parallele Realität. Amelia, die Bibliotheksdirektorin der Underlibrary wacht dabei mit ihren Mitarbeitern über das Wohl und Wehe der vielen Buchwandler und über die Einhaltung der Regeln. Bald tritt der unheimliche Enoch Chalk auf den Plan, der in den scherenschnittartigen Illustrationen mit spinnenartigen Beinen und affenartigen Armen gruselig dargestellt wird. Er arbeitet in der Underlibrary, doch merkt man sofort, dass er es auf Tilly abgesehen hat. Tilly beherzigt den Rat ihrer Großeltern, den man jedem Kind auf den Weg mitgeben mag: Sei wild, mutig und wunderbar! Und so findet sie gemeinsam mit Oscar am Ende das Schicksal ihrer Eltern heraus und führt durch ihre Unerschrockenheit ein Happy End herbei.

Erfreulicherweise entkommt der Schurke am Ende, so dass die jungen Leserinnen und Leser sich sicher auf eine Fortsetzung freuen können!

Ganz nebenbei bringt die Autorin Anna James den Lesern Klassiker der englischsprachigen (Kinder-)Literatur nahe, die sicher hierzulande nicht jedem Kind bekannt sind. Durch ihre Reisen in die Bücher treffen Tilly und Oscar nicht nur Alice aus dem Wunderland, sondern auch Anne von Green Gables oder Long John Silver von der Schatzinsel, Sherlock Holmes oder Elizabeth aus Stolz und Vorurteil. Die sehr britische, höfliche Art miteinander umzugehen, bei der vieles ungesagt bleibt, verstärkt die Stimmung des Geheimnisvollen im Buch.

Einzig kritisch anzumerken ist das schlampige Lektorat des Buches: Sehr häufig sind die Anführungszeichen falsch gesetzt, fehlen ganz oder stehen an Stellen ohne wörtliche Rede. Die Hauptfigur heißt auch schon mal „Lilly“ statt „Tilly“ (S.154). Gerade bücherverrückten Lesern, die von dieser Art von Geschichte angesprochen werden, fallen solche Rechtschreibfehler unangenehm auf.

Der bezaubernden Geschichte tut dies natürlich dennoch keinen Abbruch. Am besten liest man das Buch ganz klassisch neben einem prasselnden Kaminfeuer, mit heißem Tee und Scones mit Marmelade, taucht ein in die zauberhafte Welt der Buchwandler und sinniert über die Frage nach, mit welcher Romanfigur man sich gerne einmal selbst unterhalten würde.

 

Verlagsangaben zum Buch:

  • Erscheinungstag: 01.10.2019
  • Seitenanzahl: 368
  • Altersempfehlung: Ab 10 Jahre
  • ISBN/Artikelnummer: 978-3961291182

Link zum Buch:

Judith Rossell, Stella Montgomery und die magischen Bilder von Wakestone Hall

Judith Rossell, Stella Montgomery und die magischen Bilder von Wakestone Hall, Thienemann Esslinger Verlag

Der dritte – und wahrscheinlich letzte – Band der im viktorianischen Zeitalter angelegten fantastischen Krimiserie ist der Höhepunkt der Stella-Trilogie. Die Autorin gibt in diesem Band all ihre Kunst zum Besten und wer die vorherigen zwei Bände gelesen hat, wird nun nicht enttäuscht. Es handelt sich wieder um ein düsteres, kaltes, tristes Setting, in dem Erwachsene meist grausam ihre eigenen, selbstsüchtigen Ziele verfolgen. Kinder dagegen sind entweder gleichgültig oder den Erwachsenen untertan – bis auf die wenigen Ausnahmen, mit denen Stella sofort Freundschaft schließt.

Der dritte Band entführt die jungen Leser in das Internat Wakestone Hall, in das die bösen Tanten Stella nun gesteckt haben. Schon sie selbst und Stellas Mutter waren dort, so dass die Tanten die Hoffnung hegen, dass aus Stella dort endlich eine sittsame und brave Dame gemacht wird. Ganz im Sinne der Tanten ist das Internat einfach nur fürchterlich: Kalt und grau, mit erbarmungslosen Lehrerinnen, schrecklichem Essen und einer grausamen Direktorin. Stella freundet sich mit Ottilie und Amaryllis an und erlebt so ein wenig Menschlichkeit und Freundschaft in diesem unmenschlichen Umfeld. Wenn eines der Mädchen wegen eines nichtigen Vergehens zur Direktorin geschickt wird, kehrt es völlig verändert zurück. Später lüftet sich das Geheimnis, dass die Direktorin die Persönlichkeiten ihrer Schülerinnen als Scherenschnitte in einem Album verwahrt, so dass nur die persönlichkeitslose Hülle übrig bleibt. Stella entdeckt in dem Album die Scherenschnitte ihrer Tanten - so dass deren Herzlosigkeit ein wenig gerechtfertigt wird – sowie den Platz des Scherenschnitts ihrer Mutter. Als mit einem Mal Ottilie verschwindet, machen sich Amaryllis und Stella auf die Suche nach ihr. Ottilie erhält Hilfe von einem jungen Müllsammler namens Joe und nebenbei bringt die Autorin den Leserinnen und Lesern bittere Armut anschaulich vor Augen. Kinder, die auf sich alleine gestellt von weniger als Nichts um ihr Überleben kämpfen müssen, so dass das grausige Internat wie ein tröstlicher Ort voller Fürsorge erscheint. Joe bringt Stella zu dem einzigen vertrauenswürdigen Erwachsenen, der ihr den entscheidenden Rat gibt. Aufgrund dieser Hinweise und der tatkräftigen Hilfe ihrer Freunde gelingt es Stella, nicht nur Ottilie wiederzufinden, sondern den grausamen Plan der Direktorin und ihrer Handlanger zu durchkreuzen.

In der fulminanten Schlussszene, die an Gruseligkeit kaum zu überbieten ist, findet Stella ihren Vater und löst damit die offenen Fragen der vorherigen Bände über sein Verschwinden und ihre eigene Herkunft. Es gelingt ihr, nicht nur ihn, sondern noch viele weitere arme Geschöpfe in einem explosiven Kampf zu retten.

Die tristen, grauen und sehr genauen Beschreibungen von Armut und Kälte tragen das Buch, das dadurch eine von Traurigkeit tropfende Grundstimmung hat. Der Kontrast zur Explosivität der Szenen, in denen Stella und ihre Freunde fliehen, flüchten, entkommen, siegen, ist dadurch umso stärker und dieser Kontrast ist es, der die Stärke der Stella-Trilogie ausmacht. Dass mit diesem letzten Band für Stella nun alle Fragen beantwortet sind, ihre Freunde gerettet und ihr Vater Stella von den bösen Tanten erlöst, ist so herzerwärmend, wie man es nur brauchen kann, nach all der Trostlosigkeit der vorherigen Seiten.

Die Leseempfehlung ab 10 Jahren ist bei der Stella-Trilogie durchaus ernst zu nehmen, denn etliche der Szenen sorgen aufgrund der darstellerischen Dichte und Gruseligkeit bei jüngeren Lesern sicher für Albträume. Ältere Leserinnen und Leser sind aber sicherlich gerade deshalb besonders von dieser Reihe gepackt und werden das Buch nicht aus der Hand legen können.

 

Verlagsangaben zum Buch:

  • Erscheinungstag: 18.07.2019
  • Seitenanzahl: 304
  • Altersempfehlung: Ab 10 Jahre
  • ISBN/Artikelnummer: 978-3-522-18519-6

Link zum Buch:

https://www.thienemann-esslinger.de/produkt/stella-montgomery-und-die-magischen-bilder-von-wakestone-hall-isbn-978-3-522-18519-6

Mittwoch, 17. Februar 2021

Ali Sparkes, Die Nachtflüsterer - Die Verschwörung

Ali Sparkes, Die Nachtflüsterer - Die Verschwörung, Hanser Verlag

Der dritte Band der spannenden Nachtflüsterer Reihe ist erschienen und setzt gekonnt an der Tradition der vorherigen Bände an. Allerdings werden die Charaktere diesmal nicht so umfangreich eingeführt, wie in den vorherigen beiden Bänden, so dass es etwas verwirrend sein könnte, würde man ohne Kenntnis der Vorgeschichte mit diesem dritten Band starten. Wer aber von vorne angefangen hat, trifft auf alte Bekannte und freut sich, dass deren Geschichte weiter ausgeleuchtet wird. Ansprechend ist vor allem, dass die Nebenfigur des Vampirs Spin nun im Mittelpunkt steht. Er war bisher in allen Büchern aufgetaucht, aber eher als Konterpart zur Gruppe der Nachtflüsterer, die aufgrund einer kosmischen Strahlung die Fähigkeit haben, mit Tieren zu sprechen. Elena kann mit Säugetieren sprechen, Matt mit Vögeln und Tima mit Insekten. Wieder schliddern die drei Helden ungewollt in ein Abenteuer hinein, das den Untergang ihrer Heimatstadt bedeuten würde und wieder ist es ihre besondere Verbundenheit zu den Tieren, die ihnen dabei hilft, die Katastrophe abzuwenden.

An diesem Band ist jedoch im Gegensatz zu den vorherigen Bänden die Gefahr existenzieller und die Auswirkungen sind drastischer. Könnten die ersten beiden Bände schon von Kindern ab 10 Jahren gelesen werden, müsste der dritte Band wohl aufgrund des Umstands, dass sogar Personen sterben, erst ab 12 Jahren passend sein. Zwar gab es bei den ersten beiden Bänden schon Außerirdische, die die Welt bedroht haben, aber diesmal helfen ganz greifbare Menschen mit, bringen Kinder in Gefahr und verursachen am Ende sogar die Bedrohung der ganzen Stadt. Das Setting ist diesmal auch ausnehmend bedrohlich und sorgt bei zarten Gemütern sicher für Albträume: Zwei Ärzte täuschen den Tod von rothaarigen Kindern vor, halten sie in einer Glaskuppel unter einem See gefangen, verpassen ihnen Drogen und bereiten sie auf den Verkauf an Außerirdische als Haustiere vor. Erwachsene waren in der ganzen Nachtflüsterer-Reihe ja eher hinderlich als hilfreich und schon gar nicht fürsorglich oder warmherzig. Aber Entführung, Menschenhandel, Organhandel, etc. sind schon sehr harte Themen, die in einem Jugendbuch verarbeitet werden können und bedürfen sicherlich der begleitenden Aufarbeitung mit den Eltern. Auch wenn die Geschichte übernatürlich angelegt ist und dadurch erträglicher sein könnte, ist der Ausgangspunkt der Nachforschungen der Nachtflüsterer und Spin äußerst real und nachvollziehbar: Spin hat eine seltene Blutkrankheit, aufgrund derer für ihn das Sonnenlicht unerträglich ist und er vampirhafte Züge angenommen hat. Er unterzieht sich in einem Krankenhaus einem Blutaustausch und bekommt dort die mysteriösen Todesfälle mit, so dass er gemeinsam mit den Nachtflüsterern seine Recherchen startet. Das Vertrauen in Ärzte ist nach dieser Geschichte sicherlich erstmal erschüttert.

Etwas zu kurz kommt in diesem Band auch die Fürsorglichkeit der Nachtflüsterer ihren Tieren gegenüber. Wieder sterben abertausende von Ameisen, Fischen und sonstigen Tieren bei dem Versuch, die Nachtflüsterer aus ihrer stümperhaft selbstverschuldeten misslichen Lage zu befreien. In nur einem Satz wird erwähnt, dass die Nachtflüsterer diesbezüglich etwas traurig sind. Das war in den vorherigen Bänden mit mehr Dankbarkeit für das Opfer und mehr schlechtem Gewissen deutlich tiefgründiger und mit dem pädagogischen Impuls unterlegt, die Natur wertzuschätzen.

Trotz all dieser Kritik ist auch der dritte Band der Nachtflüsterer mit einer spannungsgeladenen Handlung unterlegt, die stetig vorantreibt und einen kaum das Buch aus der Hand legen lässt. Der zwischenmenschliche Konflikt zwischen den Protagonisten der Nachtflüsterer und Spin ist nachvollziehbar und auch die verschiedenen Strategien der jungen Helden, die Geschehnisse zu verarbeiten und sich gegenseitig zu stützen, sind plausibel nachgezeichnet und lassen die Charaktere wachsen. Daher gibt es auch hier mit leichten Abzügen eine absolute Kaufempfehlung.

 

Verlagsangaben zum Buch:

  • Erscheinungstag: 27.01.2020
  • Seitenanzahl: 272
  • Altersempfehlung: Ab 10 Jahre
  • ISBN/Artikelnummer: 978-3-446-26622-3

Link zum Buch:

https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/die-nachtfluesterer-die-verschwoerung/978-3-446-26620-9/

Anders Sparring, Familie von Stibitz - Die Ganoven-Omi

Anders Sparring, Familie von Stibitz - Die Ganoven-Omi, Hanser Verlag

Im Hanser Verlag wurde eine schwedische Kinderbuchreihe, die im Original schon 2017 erschienen ist, nunmehr in deutscher Übersetzung auf den Markt gebracht: die Familie von Stibitz. Diese besteht aus Vater Ede, Mutter Fia, Tochter Ella, die eigentlich Kriminella heißt, und Sohn Ture. Dazu gesellt sich der Hund Schnüffler. Die Familie von Stibitz lebt recht verborgen und hat stets etwas zu verbergen, denn es wird nicht gekauft, sondern geklaut. Und das gewissermaßen direkt unter den Augen des argwöhnischen Nachbarn Paul Eisig, der auch noch in Diensten der Polizei ist.

Zeitgleich sind nun der erste Band, „Der Riesenlolli-Raub“, und der zweite Band, „Die Ganoven-Omi“, erschienen. Die Reihe ist klar auf frühe Leser gemünzt. Sowohl der Umfang der Geschichte, die Satzstruktur und Wortwahl, aber auch die Melange aus Problemaufrissen und Lösungsansätzen mit moderat überraschenden Wendungen sind schön auf den Wissens- und Erwartungshorizont junger Grundschülerinnen und Grundschüler abgestimmt. Zum Vorlesen eignet sich das Buch natürlich ebenso. Die Illustrationen unterstützen die Geschichte dabei effektiv.

In Band zwei entdecken die Eltern von Stibitz in der vom Nachbarn geklauten Zeitung, dass es in der Hauptstadt eine Diamantenausstellung gibt. Zu diesem lohnenswerten Objekt wollen sie natürlich schnellstens hin, wären da nicht die Kinder, die abends ins Bett gebracht werden wollen, und Ella besteht auf einen Erwachsenen. Ture weiß sich nicht anders zu helfen als beim Nachbarn zu klingeln, aber: Ture kann nicht lügen, sodass Paul Eisig sich ebenfalls rasch zur Diamantenausstellung aufmacht, um dort Schlimmeres zu verhindern. Also begeben sich die Kinder zum nahe gelegenen Gefängnis, wo ihre Oma einsitzt. Um eingelassen zu werden, zerschießt Ella eine Scheibe mit einem Stein. Mit Oma wird dann ein Ausbruchsplan geschmiedet, bei dem auch ihre Freundin Schummel-Lisa mit von der Partie ist. In deren altem Auto tuckern die vier plus Schnüffel dann ebenfalls zur Ausstellung, wo sie erst Paul Eisig ausschalten müssen, in den sich Schummel-Lisa mal schnell verliebt, und sich dann zum Ausstellungsraum des Golddiamanten vorwagen. Doch dort sind bereits Diebe zugange! Ab dann wird es turbulent und siehe da: Ture kann ja doch lügen.

Die Geschichte ist deutlich gedrängter als die erste, weil verschiedene Handlungsstränge verbunden werden müssen. Das Metathema „lügen“ wird gut untergebracht und bietet für Eltern ein schönes Gespräch zum Nachbereiten des Buchs.

 

Verlagsangaben zum Buch:

  • Erscheinungstag: 17.02.2020
  • Seitenanzahl: 64
  • Altersempfehlung: Ab 7 Jahre
  • ISBN/Artikelnummer: 978-3-446-26622-3

Link zum Buch:

https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/familie-von-stibitz-die-ganoven-omi/978-3-446-26622-3/

Anders Sparring, Familie von Stibitz - Der Riesenlolli-Raub

Anders Sparring, Familie von Stibitz - Der Riesenlolli-Raub, Hanser Verlag



Im Hanser Verlag wurde eine schwedische Kinderbuchreihe, die im Original schon 2017 erschienen ist, nunmehr in deutscher Übersetzung auf den Markt gebracht: die Familie von Stibitz. Diese besteht aus Vater Ede, Mutter Fia, Tochter Ella, die eigentlich Kriminella heißt, und Sohn Ture. Dazu gesellt sich der Hund Schnüffler. Die Familie von Stibitz lebt recht verborgen und hat stets etwas zu verbergen, denn es wird nicht gekauft, sondern geklaut. Und das gewissermaßen direkt unter den Augen des argwöhnischen Nachbarn Paul Eisig, der auch noch in Diensten der Polizei ist.

Zeitgleich sind nun der erste Band, „Der Riesenlolli-Raub“, und der zweite Band, „Die Ganoven-Omi“, erschienen. Die Reihe ist klar auf frühe Leser gemünzt. Sowohl der Umfang der Geschichte, die Satzstruktur und Wortwahl, aber auch die Melange aus Problemaufrissen und Lösungsansätzen mit moderat überraschenden Wendungen sind schön auf den Wissens- und Erwartungshorizont junger Grundschülerinnen und Grundschüler abgestimmt. Mit einem leichten Spannungsbogen wird die Lektüre gern immer wieder ein bisschen hinausgezogen, sodass auch Kinder gut mit der Konzentration dabei bleiben können. Zum Vorlesen eignet sich das Buch natürlich ebenso. Die Illustrationen unterstützen die Geschichte dabei effektiv.

Worum geht es in Band eins? Zunächst einmal wird die Familie vorgestellt: allesamt geschickte Diebe. Alle? Nein: Ture hat überhaupt keine Lust auf die illegalen Tätigkeiten der anderen Familienmitglieder. Und nun steht auch noch sein Geburtstag bevor. Doch das, was er sich am meisten wünscht, ist gar nicht so einfach zu stehlen. Was nun? Die Lösungsversuche der Familie sind amüsant, aber man hat auch arg Mitleid mit Ture, dem an seinem Geburtstag dann erst einmal so gar nicht nach Feiern zumute ist. Doch da kommt unerwartet Paul Eisig ins Spiel und gibt dem Ganzen eine neue Wendung.

Wer sich ein wenig mit Kinderbüchern beschäftigt, wird ein oder zwei Dejavus haben. Zum einen ist das Thema „Dieb sein“ durchaus populär, vgl. zuletzt „Ich bin ein Dieb“ von Abigail Rayner und Molly Ruttan (Nord-Süd-Verlag). Zum anderen ist die Idee „diebische Familie mit einem ehrbaren Kind als Kontrapart“ auch nicht so neu, vgl. „Allein unter Dieben - Meine verrückte Verbrecherfamilie und ich“ von Frank Schmeißer, Fischer Sauerländer. Das ist an sich nicht schlimm, Literatur lebt von Kopie und Weiterentwicklung. Aber mit diesem Vorwissen muss man über die doch arg enthusiastische Beschreibung der beiden Autoren am Ende des Buches ein wenig schmunzeln.

Ungeachtet dessen: das Buch ist prima geeignet für junge Grundschulkinder, es bietet eine überschaubare, aber spannende Geschichte, viel Wortwitz und etliche Anstöße für Gespräche mit den Eltern.

 

Verlagsangaben zum Buch:

  • Erscheinungstag: 17.02.2020
  • Seitenanzahl: 64
  • Altersempfehlung: Ab 7 Jahre
  • ISBN/Artikelnummer: 978-3-446-26621-6

Link zum Buch:

https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/familie-von-stibitz-der-riesenlolli-raub/978-3-446-26621-6/


John Canty, Hinten und vorn - Alles, was hüpft und rennt

John Canty, Hinten und vorn - Alles, was hüpft und rennt, Hanser Verlag


Das, was John Canty nun schon in zwei Varianten erschaffen hat, dürfte wohl am besten als „Sachbilderbuch“ zu umschreiben sein. Schon im Vorjahr kam in deutscher Übersetzung des Nachfolgers des jetzigen Werks auf den Markt: Hinten und vorn - Alles, was krabbelt und fliegt. Nun heißt es: Hinten und vorn – Alles, was hüpft und rennt. Dabei ist dieses Original „Heads and tails“ das Erstwerk gewesen.

Schon die Rezeption des Erstwerks war positiv, sodass an dem Konzept nicht viel geändert werden musste. Anhand des Hinterteils eines Tieres sowie einigen typischen Attributen, die in Worten beschrieben werden, soll das Kind erraten, um welches Tier es sich wohl handeln könnte. Das gelingt meist ganz gut, wenngleich sich doch einige kleinere Schwierigkeiten ergeben. Angedacht ist die Lektüre des Buchs für Kinder von drei bis sechs Jahren. Schon diese Spanne halte ich für zu weit. Kinder im Vorschulalter lassen sich mit solchen possierlichen Bilderbüchern wie dem vorliegenden nicht mehr aus der Reserve locken. Kleinere Kinder jedoch dürften manche der Beschreibungen noch nicht verstehen, etwa was „Kiemen“ sind, wenn der Fisch umschrieben wird, oder warum bei der Schildkröte steht „Ich lasse mir Zeit“. Ebenso wenn das Krokodil mi dem „starken Kiefer“ und seinen „kurzen Beinen“ charakterisiert wird, sind das Eigenschaften, die ein Kind um die drei Jahre herum nicht primär abrufen können wird.

Dennoch: das Konzept ist nett und bietet mehrere Überraschungen – allerdings nur bei der ersten Lektüre. Denn bei zwei der zu erratenden Tiere sind Irritationen eingebaut worden: das gemalte Hinterteil passt so überhaupt nicht zum beschriebenen Tier. Wenn das dann aufgelöst wird, ist die Freude natürlich groß. Auch die Umschreibung eines Kindes am Ende des Buches ist ein netter Nebenaspekt. Die Überraschungseffekte verschwinden aber bei mehrfacher Lektüre. Kinder haben teilweise ein fotografisches Gedächtnis und kennen das Buch in kürzester Zeit auswendig.

Die Tiere sind großformatig und schön illustriert und die Zeichnungen setzen sich auf den Umschlagseiten innen und außen fort.

Ein Wort noch zum Buchtitel: das Original heißt „heads and tails“. Kleine Testleser fragten zu Recht, warum Tiere, die „hüpfen und rennen“ sollen, auf dem Cover versprochen werden, dann aber im Buch u.a. ein Fisch und ein Krokodil erkannt werden sollen. Nicht gerade eine gelungene Erweiterung des englischen Originaltitels…

Insgesamt bleibt ein sehr netter Eindruck. Meiner persönlichen Einschätzung nach eignet sich das Buch für Kinder zwischen zwei und vier Jahren.

 

Verlagsangaben zum Buch:

  • Erscheinungstag: 09.03.2020
  • Seitenanzahl: 40
  • Altersempfehlung: Ab 3 Jahre
  • ISBN/Artikelnummer: 9783505142383

Link zum Buch:

https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/hinten-und-vorn-alles-was-huepft-und-rennt/978-3-446-26611-7/


Montag, 15. Februar 2021

Disney, Der Nussknacker und die Vier Reiche: Der Roman zum Film

Disney, Der Nussknacker und die Vier Reiche: Der Roman zum Film, Ravensburger Verlag

Der erfolgreiche Film „Der Nussknacker und die vier Reiche“ aus dem Hause Disney auch als Buch – ist das ein Erfolgsrezept? Die auf dem Klassiker von E.T.A. Hoffmann basierende, aber völlig neu interpretierte Geschichte rund um die Heldin Clara Stahlbaum, ihren Onkel Drosselbart, den Nussknacker und die Zuckerfee schwelgt in typischer Disney-Pracht. Aber die taffe Heldin Clara hat feministische Züge, da sie entgegen der Etikette ihr handwerkliches Geschick auslebt und in der Welt des Nussknackers gegen den Mäusekönig kämpft und ein Heer von Soldaten befehligt. Die im Film so gruselig dargestellten Szenen, wie zB jene, in der der Mäusekönig sich aus abertausenden einzelnen Mäusen zusammensetzt, sind im Buch gut aufgenommen und die Gänsehaut ist dem Leser auch hier sicher.

Clara ist die mittlere dreier Geschwister und erbt von ihrer gestorbenen Mutter eine Spieldose, zu der ihr Onkel ihr später den zugehörigen Schlüssel gibt. Mit diesen ausgestattet, kommt sie in das Land des Nussknackers und erlebt dort ein Abenteuer, das an Alice im Wunderland denken lässt. Sie gerät in einen Konflikt zwischen den Bewohnern der vier Reiche. Zunächst wird sie von der Zuckerfee eingenommen, die sie herzlich empfängt. Dem Grundsatz „Traue keinem“ entsprechend, entpuppt sie sich als heimtückische Despotin, die mit ihren Zinnsoldaten die Macht über die vier Reiche erobern will. Dagegen wird die gruselige Mutter Ingwer später zur Verbündeten und unterstützt Clara und den Nussknacker im Kampf gegen die wie Roboter auftretenden Zinnsoldaten. Clara beweist wahren Heldenmut und muss aberwitzige Hindernisse überwinden, bis es ihr gelingt, sowohl ihren Schlüssel zur Spieldose wiederzuerlangen, als auch die Zuckerfee zu besiegen. Die Fotos des Films, die in der Mitte des Buchs in Farbe abgedruckt sind, entführen auch den Leser in die Welt des Films und beleben die prall ausgeschmückte Geschichte.

Etwas betrüblich ist die ausufernde Traurigkeit in Claras Familie rund um den Tod der Mutter. Im Kontrast zur überbordend farbenfrohen und üppigen Fantasiewelt, ist die Trauer der Kinder und ihres Vaters über den Verlust nachempfindbar dargestellt. Herzzerreißend ist am Ende die Szene der Versöhnung zwischen Vater Stahlbaum und Clara, die auf dem Weihnachtsfest von Onkel Drosselbart zum Lieblingslied der Mutter zusammen tanzen. Den berühmten Blumenwalzer aus dem Ballett von Tschaikowsky hat man als Leser dabei sofort im Ohr.

Als Fazit steht fest: Das Buch steht dem Film in nichts nach und ist wie ein reich verzierter Muffin, sehr süß und klebrig – aber man kann nicht genug davon bekommen.

 

Verlagsangaben zum Buch:

  • Erscheinungsdatum: 14.11.2018
  • Altersempfehlung: Ab 10 Jahre
  • Seitenanzahl: 360
  • ISBN/Artikelnummer: 978-3-473-49076-9

Link zum Buch:

https://www.ravensburger.de/produkte/kinderbuecher/kinderliteratur/disney-der-nussknacker-und-die-vier-reiche-der-roman-zum-film-49076/index.html

Peter Hoeg, Durch deine Augen

Peter Hoeg, Durch deine Augen, Hanser Verlag

Es ist immer ein bisschen schwierig, wenn man, begeistert von den früheren Romanen eines Autors, dessen neuestes Werk liest und zwar immer wieder die Gründe wiederentdeckt, die zu der früheren Begeisterung geführt haben, aber insgesamt von dem neuen Werk ein wenig enttäuscht ist.

Zuerst kurz zum Inhalt, sofern man diesen überhaupt in Fakten zusammenfassen mag: es gibt drei Freunde aus Kindergartenzeiten, Peter, Simon und Lisa. Der Roman beginnt mit den erwachsenen Personen, aber führt parallel und ständig durch die kindliche Vergangenheit, die am Ende auch der Schlüssel für den Roman ist. Simon ist durch den Verlust der Mutter schon in Kindtagen traumatisiert, Lisa verliert später ihre Eltern und muss als Erwachsene erst durch die Begegnung mit Peter und Simon in ihre Vergangenheit stückweise zurückkehren. Peter ist ein Bindeglied zwischen beiden, hat aber sein traumatisches Erlebnis in der gescheiterten Ehe, obwohl er sich es ganz anders vorgenommen hatte. Lisa ist inzwischen zur Leiterin eines geheimen Instituts aufgestiegen, weil sie die Fähigkeit besitzt, in die Psyche von Menschen zu gelangen und ihnen so zu helfen versucht, Traumata zu überwinden. Peter kommt nach einem Selbstmordversuch Simons auf die Spur ihres Instituts und ist – wie schon früher – fasziniert von Lisa, die schon damals mit Simon und Peter zusammen ihre Fähigkeit entdeckt und entwickelt hat, in die Träume anderer zu gelangen und sich mental zu verbinden. Für Peter ist diese Erfahrung, an Lisas Experimenten und Therapiesitzungen teilzunehmen, eine wahre Grenzüberschreitung: er kommt anderen Menschen und deren Erlebnissen und Abgründen näher als ihm lieb ist, aber auch er selbst muss seine Grenzen kennen lernen. Trotz ihrer Bemühungen und Fortschritte können die beiden Simon nicht retten, wohl aber für sich selbst unerwartete Entwicklungen anstoßen.

Wie immer bei Hoeg gibt es eine starke Frauenfigur mit übersinnlichen Fähigkeiten. Und wie immer ist der Roman geprägt von starken Sprachbildern und überragend gut gesetzten Ansätzen für philosophisch vertiefte Überlegungen, insoweit auch wieder ein Lob für die gelungene Übersetzung. Angeschnitten wird etwa die Relativität der Zeit, das Vorhandensein eines kollektiven Bewusstseins, die Volatilität von Zukunftswissen angesichts unendlicher Entscheidungsmöglichkeiten, aber auch ganz konkrete Lebensmetathemen wie das Vergeben, das Verarbeiten von Erlebnissen, die Beziehung von Menschen zueinander und miteinander und das Scheitern samt Auswirkungen auf die eigene Psyche. Die Frage nach Grenzen, eigenen und fremden, ist ebenso Thema des Romans wie die nach Gut und Böse.

Ein solcher bisweilen bombastischer Überbau müsste aber auch von einer entsprechenden Geschichte getragen werden. Das ist diesmal leider nicht der Fall. Der Roman ist einfach nicht spannend, allenfalls interessant und gut geschrieben. Die vorherigen Romane wurden von der Spannung des Plots getragen, dieser jedoch mäandert vor sich hin im Versuch, die Fäden des Gedankenexperiments nicht zu verlieren und am Ende zu vereinen und doch irgendwie offen zu halten, da es natürlich auf die angesprochenen Fragen keine eindeutigen Antworten geben kann.

Die Lektüre ist trotzdem zu empfehlen, gerade weil der Roman immer wieder zur kritischen Selbstprüfung führen wird. Aber in der Reihe der Romane Hoegs gehört er nicht zu den stärksten Exemplaren.

 

Verlagsangaben zum Buch:

  • Erscheinungsdatum: 18.02.2019
  • Seitenanzahl: 336
  • ISBN/Artikelnummer: 978-3-446-26168-6

Link zum Buch:

https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/durch-deine-augen/978-3-446-26168-6/